John Gahlert im Interview – hinter den Kulissen von alles-vegetarisch.de, AVE & Vantastic Foods

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AVE veganer Großhändler aus Nabburg
AVE und alles-vegetarisch.de sind mit rund 2.000 versendeten Paketen pro Tag einer der größten – rein veganen – Groß- und Versand-Händler weltweit. Geschäftsführer John Gahlert bot sich uns freundlicherweise für ein ausführliches und hoch-interessantes Interview rund um die Hintergründe und Zukunftspläne des Unternehmens aus Nabburg an.

John Gahlert von AVE steht Rede und Antwort

Matthias: Danke für das Interview John! Bitte stelle zum Auftakt Dich und Deine Rolle bei AVE/alles-vegetarisch.de vor!

John: Mein Name ist John Gahlert, 33 Jahre jung (davon 8 Jahre vegan), und ich bin seit Oktober 2014 Geschäftsführer von AVE. Anfang 2014 kam ich zunächst als 2. Geschäftsführer von Thüringen in die Oberpfalz, um Tobias Graf bei der Geschäftsleitung speziell im Bereich E-Commerce zu unterstützen. Wir waren aber schon lange davor befreundet und ich habe Tobi bereits vor meiner Tätigkeit bei AVE beratend zur Seite gestanden. Nach dem tragischen Tod von Tobi habe ich dann gemeinsam mit seiner Frau Heike die Unternehmensführung der AVE-Gruppe übernommen. Meine Aufgabe als Geschäftsführer besteht vor allem in der strategischen Leitung des Unternehmens und damit der Sicherung der Zukunftsfähigkeit.

Warum „alles-vegetarisch.de”?

Matthias: John, wie ist alles-vegetarisch.de entstanden und warum die für viele Leute irreführende Domain, wenn Ihr doch 100% vegan seid? Was gehört alles zu AVE/alles-vegetarisch.de – erkläre uns doch mal den Aufbau Eures Unternehmens!

John: Wir als Unternehmen AVE (Absolute Vegan Empire) sind bereits seit 2001 Pionier für vegane Lebensmittel. Unser Unternehmensgründer Tobias Graf hat damals veganen Produkten in Deutschland den Weg geebnet und dazu beigetragen, dass heute, mehr als 15 Jahre später, sich vegan zum Trendthema entwickelt hat. AVE ist in erster Linie ein Großhändler, über den Fachhandelspartner, Supermärkte und vor allem die Gastronomie vegane Produkte beziehen können.

Gabelstapler

Tobias Graf und AVE ebneten den Weg für vegane Produkte in Deutschland

Um auch Endverbraucher_Innen den Zugang zu unserer Vielzahl an veganen Produkten zu ermöglichen, haben wir 2008 den Online-Shop alles-vegetarisch.de übernommen, der ein damaliger Großhandelskunde der AVE war und dessen Betreiber die Übernahme angeboten hatte. Den Namen haben wir seinerzeit aus historischen Gründen beibehalten, um die bestehende Stammkundschaft nicht zu verunsichern. Zudem sprach der Begriff „vegetarisch“ seinerzeit noch eine breitere Kundenschicht an. Alle angebotenen Produkte sind seit der Übernahme durch AVE jedoch zu 100% vegan und das wird sich auch nicht ändern.

Zu AVE gehören dazu noch unsere veganen Eigenmarken Vantastic Foods sowie Vegan Bakery – die erste vegane Backstube Deutschlands –, die seit 2004 mit einer Vielfalt an hochwertigen, innovativen Produkten unser Angebot erweitern. Darüber hinaus vertreiben wir 12 renommierte Exklusivmarken aus aller Welt, z.B. den innovativsten Ei-Ersatz von MyEy und Premium-Schokoriegel von GoMaxGo, sowie über 80 weitere vegane Top-Marken.

Dazu kommt noch unser hauseigener Imbisswagen, die Veggie Snack Bar, mit der wir auf diversen Veranstaltungen in Deutschland und Europa, wie z.B. Festivals, vegane Warmgerichte und exklusive Spezialitäten wie „Döner“, „Burger“, „Bratwurst“ und vieles mehr anbieten.

Aber um nochmal auf die alles-vegetarisch.de zurückzukommen – in den nächsten Wochen werden wir ein neues europaweites Format nach neustem Stand der Technik und mit allerlei Raffinessen für unsere Kunden aus der Taufe heben – darauf gespannt zu sein lohnt sich!

Durch Zusammenhalt und Einsatzbereitschaft den tragischen Tod des Unternehmensgründers wirtschaftlich aufgefangen

Matthias: Der unerwartete und tragische Tod von Tobias Graf wurde nicht nur in der veganen Szene mit Bestürzung aufgenommen. Was das für seine Familie und euch bedeutet haben muss, soll hier nicht Thema sein. Doch wie geht das Unternehmen wirtschaftlich und strukturell mit diesem Verlust um? Was ist bei Euch in der Zeit danach passiert?

Hier gehen jeden Tag über 2.000 Pakete raus

Hier gehen jeden Tag über 2.000 Pakete raus

John: Tobis Tod war natürlich mehr als ein großer Schock für uns alle. Ich bin wie gesagt bereits seit vielen Jahren mit Heike und Tobi auch privat befreundet gewesen, da Tobi und ich uns von unserer gemeinsamen Band „Deadlock“ kannten. Verzeihe mir, dass ich an dieser Stelle den Kommentar über meinen persönlichen emotionalen Verlust ausspare. Der starke Zusammenhalt im Team, zwischen den Mitarbeitern und auch auf der Führungsebene, hat den Verlust wirtschaftlich aber sehr gut aufgefangen. Wir arbeiten mit vielen langjährigen Partnern und Kunden zusammen, die Tobi teils von Anfang an dabei begleitet hat ein veganes Sortiment aufzubauen, und die so gemeinsam mit Tobi einen veganen Markt in Deutschland und Europa etabliert haben. Diese loyalen Partnerschaften haben dazu geführt, dass uns nahezu alle Lieferanten und Kunden treu geblieben sind und wir so rein wirtschaftlich keine Einbußen aufgrund des Verlusts hatten. Eine große Herausforderung war jedoch, dass bereits der Neubau für unser neues Logistikzentrum stand und der Umzug des Unternehmens innerhalb Nabburgs vollzogen werden musste. Durch Tobias Erkrankung war die Planung und Organisation des Umzugs leider in Verzug geraten. Aber auch das haben wir mit vereinten Kräften und ein paar schlaflosen Nächten hinbekommen. Seit Juni 2015 verschicken wir jetzt unsere bis zu 2.000 Sendungen täglich aus unserem neuen umwelt- und mitarbeiterfreundlichen Unternehmenssitz. Dass gerade zu dieser Zeit die Nachfrage nach veganen Produkten sehr hoch war und die zunehmenden Bestellungen zeitgleich mit unserer kompletten Systemumstellung fielen, hat uns ein paar arbeitsintensive Monate beschert. Aber auch das haben wir als Team gemeistert und sind jetzt mit neuem Logistikzentrum bestens gerüstet für neue Herausforderungen in dieser spannenden Branche. Dennoch wird einem in einer solchen Lebensphase sehr deutlich, wie wichtig der Rückhalt und das Vertrauen seitens der Teamkollegen, Familien, Freunde und Partner in die eigene Schaffenskraft ist.

Matthias: In seinem Interview vom 12.03.2014 für Venture TV (https://www.youtube.com/watch?v=Ruznhh9yQg8, ab ca. 7:20 min) sagt Tobias, dass Ihr Euch wappnet für den Eintritt größerer Unternehmen und Konzerne in den stark wachsenden, veganen Markt. Was habt Ihr da konkret getan und wie ist der Status Quo?

John: Grundsätzlich freuen wir uns über neue Marktbegleiter, die unser Ziel, eine vegane Volksversorgung in Europa zu ermöglichen, unterstützen. Der vegane Markt zeigt ein so ausgeprägtes Wachstum, dass es zurzeit ausreichend Platz für mehrere Akteure gibt. Langfristig wird sich zeigen, wo jeder sein Plätzchen findet. Was uns von anderen unterscheidet, ist unter anderem die Breite und gleichzeitige Exklusivität unseres Angebots, die wir stetig ausbauen. AVE bietet zurzeit mit über 900 Produkten ein umfangreiches Vollsortiment im Kühl- und Trockensortiment, mit über 50 % in Bio-Qualität. Darunter sind wie gesagt auch 12 Exklusivmarken, die nur über uns zu beziehen sind. Zudem sind wir, danke Tobias, mit unserer Eigenmarke Vantastic Foods Vorreiter der Branche. Mit unserer innovativen Produktentwicklung versuchen wir stets neue Standards zu setzen. Darüber hinaus steht bei uns auch eine Philosophie hinter unserem Handeln. Von Anfang an war undogmatischer Veganismus ohne erhobenen Zeigefinger die Motivation hinter AVE. Unserer Meinung nach genügt es nicht, Fleisch mit V zu schreiben, man muss es auch mit Leben füllen. Veganismus bedeutet für uns einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit allen Lebewesen. Und das leben wir jeden Tag – im Umgang mit unseren Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten. Wir pflegen unsere langfristigen Partnerschaften, die aus einer Zeit herrühren, als die Ideologie fernab von ökonomischen Erfolgen gelebt wurde. Zur Wahrung unserer ureigensten Werte behalten wir uns bewusst unsere Konzernunabhängigkeit bei. Unserer Meinung nach, wird sich langfristig Qualität, Expertise und Authentizität durchsetzen. Am Ende entscheidet der Kunde und wir wollen mit Aufklärung rund um die Produkte, fairen Preisen, verlässlichem Service und Genuss überzeugen, was uns Stand heute auch recht gut gelingt 😉

AVE & Co. wachsen weiter im zweistelligen Prozentbereich

Matthias: Tobias sprach in dem eben genannten Video-Interview von jährlichen Umsatzzuwächsen von 60 bis 80% bei euren Unternehmungen. Konntet Ihr diesen Trend halten oder hat sich seit 2014 etwas geändert?

John: Im Großen und Ganzen hält der Trend an und wir spüren weiterhin die steigende Nachfrage vom Markt. Ob sich das in den nächsten Jahren genauso fortsetzen wird, wird sich zeigen. AVE hat nach wie vor zweistelliges Unternehmenswachstum, trotz all der schweren Gezeiten der letzten Monate. Wir haben tatsächlich die Kurve bekommen und uns einerseits strukturell, sowie wirtschaftlich weiterzuentwickeln, haben den schmerzlichen Verlust unseres Hauptwissensträgers und Visionärs im Team kompensiert und konnten AVE nicht zuletzt durch den starken familiären Rückhalt der Familie Graf/Holzgartner gemeinsam auf Kurs halten. Schön zu sehen, dass das Lebenswerk eines deiner besten Freunde durch einen selbst weiterleben kann, ohne sich in wirtschaftliche Abhängigkeit von Investoren begeben zu müssen und sich ehrliche Arbeit und verlässlicher Service auch gegen unlautere Geschäftspraxis vermeidlich seriöser „Partner“ am Markt zur heutigen Zeit behaupten kann.

Zunehmender Wettbewerb im Markt veganer Fleischalternativen

Matthias: Mit Vantastic Foods konkurrieren mittlerweile auch Fleischproduzenten auf dem Markt veganer Fleischalternativen. Wie geht ihr damit um, was ist deine Meinung zu Fleischalternativen von Fleischproduzenten und was rätst Du Verbraucher_Innen?

John: Prinzipiell bin ich der Meinung, dass mit der steigenden Anzahl an Alternativen Pluralität und Differenzierung gefördert werden und das ist an sich keine rein negative Entwicklung – vor allem aus Verbrauchersicht. Denn, mit steigender Konkurrenz steigt auch die Qualität der Produkte, hinsichtlich Geschmack, als auch Rohstoffe etc., und das macht es Verbraucher_Innen einfacher auf tierische Produkte zu verzichten – was wiederum dem übergeordneten Ziel zuträgt, dass mehr Menschen eine vegane Ernährung ermöglicht wird. Ich glaube, dass sich vegane und vegetarische Alternativen gleichberechtigt neben tierischen Lebensmitteln wie Fleisch, Wurst und Milchprodukten etablieren werden, so dass Verbraucher_Innen frei nach ihren Präferenzen wählen können. Wir sehen es daher als gemeinsame Aufgabe für die Branche an „vegan“ voranzubringen, um Verbraucher_Innen qualitativ beste Alternativen bieten zu können. Generell finde ich, dass vor allem der Verbraucher ernst genommen werden muss. Das bedeutet, dass er/sie transparent über Hintergründe, z.B. zu Produktionsbedingungen oder Unternehmensphilosophie, aufgeklärt werden soll – sowohl bei tierischen als auch veganen Lebensmitteln. Nur so kann der Kunde eine bewusste Kaufentscheidung treffen. Generell respektieren wir aber die freie Konsumentscheidung jedes Einzelnen. Daher ist unsere Empfehlung sich zu informieren und dann nach eigenem Ermessen und Gewissen zu entscheiden. Wir glauben, dass sich so langfristig Qualität und ein nachhaltiger Ansatz, der nicht nur als Headline fürs Marketing dient, durchsetzen wird. Bei Vantastic Foods bedeutet Qualität für uns vor allem Geschmack – der Genuss der Produkte soll im Vordergrund stehen und der Geschmack soll überzeugen, nicht nur Veganer sondern auch Flexitarier und all diejenigen, die auf der Suche nach abwechslungsreicher Ernährung sind. Mit unserer langjährigen Expertise und guten, langjährigen Kontakten zu Zulieferern, die ihre Wurzeln ebenfalls in der veganen Ideologie haben, sehen wir uns wie gesagt als Vorreiter der Branche – ein Anspruch, dem wir auch in Zukunft gerecht werden möchten.

So wird Vantastic Foods produziert

Matthias: Wo und wie werden die Vantastic Foods Produkte hergestellt (hinsichtlich fairer Arbeitsbedingungen etc.), woher bezieht Ihr die Rohstoffe und wie sichert Ihr die Qualität?

John:  Grundsätzlich sind alle Vantastic Foods Produkte frei von Gentechnik veränderten Organismen (GVO frei/GMO free). Die Rohstoffe, die in den Vantastic Foods Produkten enthalten sind, wie Soja und Weizen, stammen weitestgehend aus europäischem Vertragsanbau. Derzeit ist das bei 80 % der Vantastic Foods Produkte der Fall. Bei 1/5 der Produkte stammt das Soja aus den USA und ist ebenfalls frei von Gentechnik veränderten Organismen (GMO free).

Sendungen von AVE werden umweltfreundlich verpackt

Sendungen von AVE werden umweltfreundlich verpackt

Bei der Herstellung kooperieren wir mit externen Produzenten, die eigene vegane Produktionslinien bieten bzw. eine gründliche Reinigung vor und nach der veganen Produktion vornehmen. Alle unsere Lieferanten werden vor Beginn einer Zusammenarbeit genau unter die Lupe genommen, auditiert und bewertet. Bei der Auswahl der Hersteller bevorzugen wir natürlich rein vegan produzierende Betriebe. Wenn in den Anlagen eines Produzenten auch Rohstoffe tierischen Ursprungs verarbeitet werden sollten, müssen die Produktionslinien vor der Herstellung unserer veganen Produkte den Hygienerichtlinien entsprechend gereinigt werden, um Kontaminationen zu vermeiden.  Um das zu gewährleisten, legen wir größten Wert darauf, dass die Produktion nach den international gängigen Sicherheitsstandards (z.B. IFS, mindestens HACCP) gestaltet und zertifiziert ist.

Darüber hinaus gibt es bei allen Herstellern die erforderlichen Rückstellmuster. Das sind einzelne Produkte aus einer Charge, die im Lager zurückgehalten und im Labor untersucht werden. In jedem unserer Herstellerbetriebe gibt es dafür eigene Qualitätsabteilungen, die die rechtlichen Vorgaben erfüllen und umsetzen.
Bei unserer Eigenmarke Vantastic Foods lassen wir darüber hinaus unabhängig von den Qualitätsstandards unserer Produzenten in regelmäßigen Abständen eigene Lebensmittelanalysen von akkreditierten Laboren durchführen. So stellen wir sicher, dass unsere Produkte die hohen Qualitätsansprüche von AVE erfüllen. Tiefere Informationen zu den einzelnen Herstellern möchten wir nicht öffentlich kommunizieren, da uns dies ja auch von Mitbewerbern unterscheidet und um 100%-ig sicherzustellen, dass es uns nicht passieren kann, eine beispielsweise vegane Pizza im Portfolio zu haben, die nicht vegan ist…

AVE will moralische Aspekte des Veganismus weiter unterstützen und kommunizieren

Matthias: Lässt sich ethisch motivierter Veganismus in der Mitte der Gesellschaft platzieren oder wird die Bewegung zu einem überwiegend konsumistisch/gesundheitlich motivierten Markt „verkommen”, der am Ende von den gleichen Konzernen dominiert wird, die sich aktuell für Tierleid, die Verletzung von Menschenrechten und ökologische Zerstörung verantwortlich zeigen?

AVE-Meeting

Neben Zahlen und Kundenzufriedenheit zählen auch die moralischen Aspekte des Veganismus bei AVE

John: Prinzipiell werden Verbraucher_Innen insgesamt kritischer auch Dank medialer Aufklärung. Sie hinterfragen zunehmend die Herkunft und Produktionsbedingungen ihrer Konsumgüter, sowie auch deren Umwelt-, Sozial- und Gesundheitsverträglichkeit. Tierwohlaspekte sind dabei durchaus auch relevante Argumente für Verbraucher_Innen. Wir glauben, dass wenn man sich einmal mit der Thematik auseinandersetzt, dass man um den Tierschutzgedanken gar nicht herumkommt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass viele Vegetarier über kurz oder lang sich auch vegan ernähren. Selbst wenn Verbraucher_Innen keine rein vegane Lebensweise verfolgen, so steigt doch zunehmend und glücklicherweise ihr Bewusstsein für einen Missstand in der Lebensmittelindustrie bei der Tierhaltung. Selbst Bio-Bauern müssen sich zunehmend rechtfertigen und die strengen Bio-Richtlinien zum Tierschutz müssen sich regelmäßig öffentlicher Kritik stellen. Auch die Monsantos, Nestlés oder Coca Colas dieser Welt haben es zum Glück nicht mehr so einfach und müssen über schöne Werbung hinaus auch Rechenschaft über ihr Handeln ablegen oder werden zumindest öffentlich für Vergehen angeprangert – und das auch in der Mitte der Gesellschaft und nicht nur von den sogenannten „extremen Gruppierungen“! Aber zurück zum Veganismus. Herausforderung wird es sein auch die moralischen Aspekte weiterhin zu kommunizieren und das Bewusstsein dafür zu stärken. Wir unterstützen z.B. regelmäßig auch Tierschutz-Aktionen wie zuletzt mit Sea Shepherd und beziehen so in diesem Punkt klar Stellung. Die meisten unserer Kunden wissen auch, dass wir „Überzeugungstäter“ sind und teilen unsere Philosophie und das schon seit vielen Jahren. Dennoch stehen wir für einen undogmatischen Veganismus ein, ohne erhobenen Zeigefinger. Jeder, der sich für eine tierfreie Alternative – aus welchen Gründen auch immer –, entscheidet, ist bei uns willkommen. Im Moment sind wir Marktführer in Europa für vegane Produkte für den Großhandel und unser Online-Shop alles-vegetarisch.de ist Europas größter Online-Shop für vegane Lebensmittel – und wir möchten diese Positionen auch gern halten. Also nein, wir denken nicht, dass der Markt von diesen Konzernen dominiert werden wird und rechnen mit bewussten Konsumentscheidungen von informierten Kunden.

Flexitarier und Foodies befeuern primär den aktuellen Vegan-Hype

Matthias: Veganismus war lange Zeit nur in Subkulturen bekannt und kam „quantitativ“ nicht vom Fleck. Was meinst du war der entscheidende Faktor, dass vegane Ernährung zum aktuellen Hype werden konnte?

John: Da spielen mehrere Faktoren zusammen. Parallele Entwicklungen haben dazu geführt, dass das Thema immer präsenter wurde und besonders im letzten Jahr medial unumgänglich wurde. Neben den klassischen moralisch motivierten Veganern die es glücklicherweise schon immer gab und hoffentlich geben wird, gibt es auch eine zunehmende Zahl an Menschen mit Unverträglichkeiten, wie z.B. Laktose-Intoleranz, für die vegane Lebensmittel eine wichtige Erleichterung für ihren Alltag darstellen. Menschen hinterfragen zudem zunehmend kritisch ihren Konsum z.B. in Hinblick auf Nachhaltigkeitsaspekte. Die Reduzierung des Verzehrs von Fleisch- und Milchprodukten bzw. der komplette Verzicht auf tierische Produkte, wie es bei der strikt veganen Ernährung der Fall ist, bieten hier eine nachhaltige Alternative. Auch das Thema Individualisierung bzw. Differenzierung spielt eine wichtige Rolle. In unserer Gesellschaft möchten sich Individuen zunehmend von anderen unterscheiden, suchen aber gleichzeitig auch Anschluss in einer Subkultur. Neben dem Veganismus gibt es ja auch andere Ernährungstrends wie z.B. Paleo, um die sich eine eigene Community mit Szene-Gurus und diversen Meinungsführern wie Bloggern bildet. Für einige Menschen wird die eigene Ernährung somit zu einer Art „Ersatzreligion“, die einem in einer zunehmend stressigeren Umwelt Halt und Struktur geben kann. Generell ist das Thema Ernährung in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus gerückt. Die Zunahme an Food-Blogs und sogenannten Street-Food Markets und diversen Jumping-Dinner Events zeigt, dass wir gesellschaftlich bereits soweit sind, dass wir uns nicht mehr damit beschäftigen müssen, ob wir überhaupt etwas zu Essen haben, sondern unsere Ernährung als Lifestyle-Hobby ansehen können. Man muss daher dazu sagen, dass der aktuelle Vegan-Hype nicht unbedingt durch eine drastische Zunahme an Veganern befeuert wird, sondern vielmehr von Flexitariern oder sogenannten „Foodies“, die eben tierfreie Produkte als eine Alternative ansehen, experimentierfreudig sind und das Ganze ggf. auch gerne über soziale Kanäle zum Zweck der Selbstdarstellung oder Subkulturzugehörigkeit teilen.

AVE nimmt Out-of-Home-Markt ins Visier

Matthias: Wo wird Veganismus in Deutschland in 10 Jahren stehen und welche Rolle werden AVE/alles-vegetarisch.de dann spielen? Wie sieht Eure Langzeit-Vision aus, wie und wohin wollt Ihr expandieren?

John: Generell muss man sagen, dass Deutschland ziemlich weit vorn ist im internationalen Vergleich. Kein zweites UK, aber gerade unsere Großstädte sind den meisten europäischen Ländern weit voraus. Auch wenn nicht jeder gleich zum Veganer wird, so wird der aktuelle Hype unserem Markt bereits in den nächsten 2 Jahren vom Trend über eine stabile Nische hin zu einer gleichwertigen Ernährungsform auf Augenhöhe verhelfen. Die Entwicklung geht mehr und mehr in Richtung Diversifizierung. Anfang der 2000er Jahre ging es darum überhaupt vegane Produkte anbieten zu können. Mittlerweile gibt es fast alles auch „in vegan“. In Zukunft geht es also vor allem darum, die noch bestehenden Lücken letztendlich zu schließen, so dass die Möglichkeit einer veganen Ernährung zu einer selbstverständlichen Alternative wird. Hier sehen wir vor allem den Snack und Convenience-Bereich, als auch die Außer-Haus-Verpflegung als wichtige nächste Schritte. An kaum einer Tankstelle erhält man zurzeit vegane Snacks und auch im Krankenhaus sind vegane Alternativen rar. In 10 Jahren sollen vegane Alternativen bitte auch hier eine Selbstverständlichkeit sein, unter anderem auch aufgrund unseres Engagements – wir werden alles daran setzen!

Matthias: Mittlerweile erreichen Eure Vantastic Foods Produkte auch Verbraucher_Innen über den LEH, zum Beispiel Edeka/Marktkauf. Wie habt Ihr diese Entwicklung eingeleitet und welchen Stellenwert hat der LEH für euch?

John: In den LEH zu gehen war angesichts der steigenden Nachfrage ein ganz logischer Schritt für uns und wir freuen uns, dass unsere Produkte so eine noch höhere Sichtbarkeit erhalten. Im LEH werden Produkte auch als Gelegenheitskauf konsumiert. Auch nicht-vegane Konsumenten greifen so mal aus Neugier nach einer veganen Alternative. Das Category Management der Lebensmittelketten spielt dabei eine entscheidende Rolle. Dem LEH ist es gelungen die veganen Produkte so zu platzieren, dass sie vom Käufer gerade als Alternativen zu Fleisch und Käse wahrgenommen werden. Vegane Artikel sollten nämlich nicht nur in der Gemüse-Abteilung zu finden sein. Die Verbreitung unserer Produkte im LEH wird also weiter fortgesetzt mit dem Ziel möglichst diverse Produkte in möglichst vielen Filialen verfügbar zu machen.  Aber der Online-Handel und unsere weiteren Handelsbeziehungen wie z.B. zur Gastronomie haben dabei keinen Meter an Stellenwert verloren – im Gegenteil – schließlich wird dort Diversifizierung gelebt und der Geschmack definiert die Lebensqualität. Einfach cool, das als Unternehmen begleiten zu dürfen!

Matthias: In unserem Interview mit Andreas Bender berichtet dieser über Verdrängung im LEH durch Fleischproduzenten, die nun vegane Produkte anbieten. Seid Ihr hiervon auch betroffen und habt Ihr Kontakt zu anderen Herstellern, die unter der Situation leiden?

John: Wir sind davon bisher nicht betroffen, da sich die Verdrängung vorrangig im Kühl- und Tiefkühlbereich der Filialen abspielt, unsere derzeitigen LEH-Aktivitäten aber das Trockensortiment forcieren. Allerdings vernehmen wir aktuell auch wieder sehr viele Stimmen aus unserem Lieferantenumfeld, die die Einschätzung von Andreas Bender teilen. Andererseits nehmen wir auch jetzt schon „Rückbesinnungsströmungen“ seitens der LEH-Partner wahr – nämlich, dass vegane „Pure Player“ wieder zunehmend an Bedeutung gewinnen und hier und da den Vorzug bekommen. Dies ist mit Sicherheit auf die größere Akzeptanz seitens der Verbraucher_Innen zurückzuführen. Man erlebt eine ähnliche Tendenz wie vor einigen Jahren, als das Thema „Bio“ im LEH Einzug hielt. Ein konventioneller Hersteller, der „auf einmal“ Bio produziert, muss sich sein Standing in diesem Segment durchaus erst erarbeiten und aufgeklärte(r) Verbraucher_Innen wissen das. Ich hoffe sehr, dass gerade diese Entwicklung jedem rein veganen Hersteller die Möglichkeit gibt, über den Verkaufskanal LEH seine Produkte vielen Verbrauchern vorzustellen und anzubieten, gerade wenn man den Markt kennt und weiß, was es für eine tolle Bandbreite an innovativen Mittelständlern in Deutschland gibt.

Matthias: John, vielen Dank für deine interessanten Antworten. Wir wünschen euch weiterhin Erfolg und Wachstum mit AVE.

John: Danke für das Interview!

Wichtige Links rund um AVE

Einblick in das Logistikzentrum von AVE

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