I have a dream that one day all animals are equal – Gabriele Busse

Print Friendly

gabriele-busse-vegan

Dies ist ein wunderbarer Beitrag der Kabarettistin Gabriele Busse (Gabriele bei Facebook) (Jahrgang 1978). Das nachfolgende Video hat in den letzten Wochen einige Aufmerksamkeit erlangt und ist absolut sehenswert. Wenn Du es noch nicht kennst, dann sieh es Dir an, lache und staune! Danach folgt ein faszinierend ehrlicher Text, den Gabriele Busse eigens und mit fieberhaftem Engagement für Vegan News erstellt hat. Wir hoffen, dass Gabriele als vegane Poetry-Slammerin auch mal in den Norden der Republik kommt. Im Süden Deutschlands hat Sie in diesem Jahr noch einige Termine: http://www.myslam.net/de/slam-poet/2217

Das bisschen Schlachten (Gabriele Busse)

I have a dream that one day all animals are equal (Gabriele Busse)

„Papa, wos host´n scho wieder mit der Gabriele gmacht!“, schrie meine Mutter Richtung Keller, als ich von Heulkrämpfen geschüttelt in meinem Zimmer saß und meine Mutter aufgrund hinreichender empirischer Datenlage davon ausging, dass mein Vater mal wieder zur Hauswatschn hatte antreten lassen. Wenn man in Bayern großgeprügelt wird, gehört die Hauswatschn, hier und da willkürlich verteilt um bessere Menschen herzustellen, zum guten Ton. „Nichts hab ich gemacht!“, schrie Papa zurück. – „Warum heultsn dann so!“. In der Tat: Ich heulte so sehr, dass ich nicht mal mehr sprechen konnte.

Mein Vater kam aus seinem Habitat herauf, wies jede Schuld ab und sagte: „Gerade eben war sie noch normal! Wir haben so einen schönen Tierfilm geschaut.“ Der schöne Tierfilm hieß „Achtung, lebende Tiere!“ und kam am Mittwoch um 21.00 im ZDF, und zwar 1993. Ich war vierzehn und hatte bis dahin daran geglaubt, dass in der Welt alles seine gerechte Ordnung hatte, Hauswatschn, Blutwurst und Kühe auf der Weide, und dass Gott schon auf alles irgendwie aufpasste. Nach dem Film wusste ich, dass es nicht so war, dass es keinen Gott gab, und wenn doch, dass ihm alles scheißegal war.

Ich weiß bis heute jede einzelne Szene aus dem Film, und wenn ich daran denke, wird mir schlecht. Ich sah Kühe, die noch halb lebendig in große Öfen geschaufelt wurden, in denen das Feuer der Vorhölle brannte. Ich sah einen Kran, der eine lebendige Kuh irgendwo abwarf. Ich sah Kühe, die die Stangen ihres Gitters unermüdlich ableckten. Ich sah Tausende von Hühnern mit entzündeten Augen und vollgeschissenen Federn, zusammengequetscht in endlosen Käfigreihen. Ich sah Mäuse, die mit Stecknadeln an ihren Pfoten festgepinnt wurden wie Postkarten. Ich sah eine Kuh, die weinte. Meine Welt brach zusammen und alles, woran ich je geglaubt hatte: Dass Erwachsene wissen, was sie tun, dass alles irgendwie einen Sinn hat und dass Weißwurst ein Symbol für Gemütlichkeit ist. Ich saß paralysiert vor dem Fernseher. Mein Leben war auf einen Schlag sinnlos geworden, denn egal was ich tun würde im Leben, die Welt würde nie wieder gut. Die Welt würde immer eine Welt bleiben, in der Menschen mit Tieren alles anstellen, was man sich nur vorstellen kann. Damit es schmeckt.

Ich konnte nicht sprechen und nicht aufstehen. Mein Vater hatte neben mir sein Salamibrot zu Ende gegessen, sagte „schon schlimm“ und ging in den Keller. Das Nächste, woran ich mich erinnere, sind meine erschütterten Eltern, die mir beim Brüllen zusahen. „Wenn des so weitergeht“, sagte meine Mutter, „hol ich den Notarzt.“ Ich schluchzte den Inhalt des Films heraus, in der irrigen Annahme, dass zumindest meine Mutter genauso entsetzt sein müsste wie ich. „Ach, das sind doch nur Tiere!“, sagte meine Mutter ungerührt. Ich heulte noch lauter. Warum „nur“ Tiere? Warum nicht: Das sind Tiere, also darf man sie nicht töten? Wer, um alles in der Welt, gab uns das Recht, fühlende Tiere zu quälen und zu töten, damit wir sie in die Kanalisation scheißen können? Und wer hatte angefangen zu behaupten, Tiere in Scheiße zu verwandeln sei normal? Ich begriff die Welt nicht mehr.

Von da an konnte ich meinen Eltern nichts mehr glauben. Sie aßen den Tod, für den es keinen Grund gab, außer einen angenehmen Geschmack auf der Zunge. Wichtig war nur, dass man den Tod mit Messer und Gabel aß und nicht aufstand, ehe ihn alle fertig gegessen hatte. Das war Anstand. Wenn ich mit meinen Kartoffeln ergo „der Spinnerei“ fertig war, hörte ich zu, wie sich die Moleküle eines Schweines im Magen meiner Eltern langsam zu Menschenkotze zersetzten und dem Schwein so seinen Sinn im Leben gaben.

Neben dem Herd für das Schwein stand der Käfig für Struppi das Meerschwein. Ich verkündete eines Abends böse, dass ich mir unser Meerschwein zu braten gedenke. Meine Eltern erstarrten in Entsetzen; sie trauten mir seit der Doku alles zu. „Spinnst jetzt, du kannst doch Struppi nicht braten!“ sagte meine Mutter. „Und wie“, sagte ich und machte die Pfanne heiß. Meine Mutter räumte die Pfanne weg, sah mich vernichtend an und legte meinem Vater Wurst aufs Brot. Ich legte Struppi auf mein Brot und sagte: „Solang Ihr Kühe und Schweine esst, esse ich soviele Struppis ich will.“ Struppi pinkelte vor Angst auf mein Brot. An dem Abend hieß es wieder Antreten zur Menschwerdung und ich konnte kein Abendbrot mehr essen.

Die Abendbrote der nächsten Jahre verliefen mitunter anstrengend. Meine Mutter wurde nicht müde zu behaupten, des bisserl Schlachten mache den Kühen doch nichts aus, das merken die doch gar nicht. Ich habe ihr vor ein paar Wochen gesagt, dass ich den Satz genau so in einer meiner Bühnennummern wiedergebe, und ob sie das denn nicht schlimm fände. „A geh, wenn´s stimmt!“, sagte sie. „Wenn was stimmt“, fragte ich. „Dass es ihnen nix ausmacht.“ Die letzten 20 Jahre Dokus sind an meiner Mutter offenbar spurlos vorübergezogen. „I kauf eh bloß noch a Biofleisch, da lächelns noch beim Schlachten.“ – „Genau, Mama. Biotiere legen sich ganz von selbst auf deinen Teller, weil sie so glücklich sind geschlachtet werden zu dürfen, weil die Bioschlachtung ist ganz anders als die echte Schlachtung, weil die werden da gar nicht geschlachtet, sondern man streichelt sie zu Tode, bis sie sanft hinüberschlafen.“ – „Eben“, sagte meine Mutter. Sie hat es nicht so mit Ironie.

Meine Mutter ist im übrigen der netteste Mensch der Welt und der Jesus der (Haus-)Tiere. Mein Vater hatte mal eine Maus aus einem Versuchslabor mitgebracht, in einem Marmeladenglas. Dem Schrei nach zu urteilen war meine Mutter damit nicht einverstanden. Zwei Tage später war in meiner Mutter jedoch das Mitgefühl entflammt, und die Maus hatte plötzlich einen Palast von Käfig, einen Spielplatz, ein paar Kubikmeter Heu, Vitamintabletten und einen Namen. Wir liebten diese Maus. Auch dann noch, als sie neun Kinder warf. Die neun Kinder bekamen Namen, Vitamintabletten und Spielplätze. Immer wenn eine Maus starb, konnte ich nicht in die Schule, weil ich brüllend durchs Haus rannte. Einmal hatten wir eine Beileidskarte unserer Lehrerin im Briefkasten, weil meine Mutter bei ihr angerufen hatte und gesagt „die Gabriele kann heute nicht in die Schule kommen, Agathe ist tot.“ Sie hatte vergessen zu erwähnen, dass Agathe eine Maus war. Für meine Mutter war es selbstverständlich, dass man nicht in die Schule gehen kann, wenn eine Maus gestorben ist. Und dass man ein Schwein kocht, wenn jemand von der Schule nach Hause kommt.

Wenn ich von der Schule kam, ohne ein Schwein essen zu wollen, war das bald kein Problem mehr, außer dass meine Mutter fand, „so kriagst ja nie oan“, zu Deutsch: So bekommst du ja nie einen Mann. Das war offenbar das Schlimmste, was einem im Leben passieren konnte. Ich fand eher, dass das Schlimmste, was einem im Leben passieren konnte, im Keller saß und Hauswatschn verteilte. Das sagte ich aber nicht, bis auf einmal, und dann kam das aus dem Keller hoch und ging seiner Bestimmung nach, weil ich anständig werden musste. Anstand hieß: Mit Gewalt bewirken, dass Gewalt unsichtbar bleibt. Sei es die an Tieren oder die an einer Familie. Meine Mutter, katholisch in Demut geübt, gab mir als Rat fürs Leben mit: „Unrecht muss man akzeptieren. So ist das Leben.“ Nein, Unrecht ist immer gegen das Leben, Mama.

Als die Zeit der Schule vorbei war, war ich weg. Ich liebte meine Eltern, was manchmal schwer zu begreifen war, aber ich liebte sie nicht für die Leichen im Kühlschrank. Ich hätte eher meinen Großvater gegessen, frisch verblichen zu Salami verarbeitet, als Tiere, die zwecks Salami starben. Mein Großvater starb tatsächlich, und anstatt ihn als Salami in den Kühlschrank zu legen, was nicht absurder gewesen als jede andere Salami, wurde er in einen Sarg gelegt, der sehr viele DIN-Normen erfüllen musste um als solcher gelten zu dürfen und dennoch ein paar Tage später inklusive Opa in einem Ofen verbrannt wurde, der dem aus der Doku glich. Dann wurde die Asche in einen marmornen Zahnputzbecher gekippt, dann wurde der Zahnputzbecher in einen Beton-Urnenschacht gestellt, damit auch ja nichts mehr von Opa in die Welt zurückkam, und dann wurde der Betonschacht mit dem Zahnputzbecher mit den Molekülen von Sarg und Opa in ein Erdloch gestellt. Das war alles ungeheuer feierlich. Das Grab hatten wir schon für Jahrzehnte voraus im Sonderangebot gebucht und für mich auch gleich mit (meine Mutter zählte ein Mal durch). Dann standen viele Menschen in einer Reihe und schüttelten uns die Hände, dann schütteten drei Arbeiter das Loch zu und rauchten, und dann bekam der Zahnputzbecher noch einen goldglänzende Marmorplatte drüber und meine Eltern eine Rechnung über zwölftausend Euro für eine Prozedur, die ihnen sehr sinnvoll erschien, denn das sei Respekt. Zum Leichenschmaus gab es Schweineleichen. Respekt wäre für mich gewesen, Opa einmal öfter im Krankenhaus zu besuchen. Respekt wäre für mich gewesen, anlässlich seines Todes wenigstens die Tiere am Leben zu lassen. Mein Opa liebte Tiere und hätte sich darüber gefreut. Mein Opa wäre sicher nicht dafür gewesen, zu Salami verarbeitet zu werden, aber er wäre dafür gewesen, dass man um Moleküle in Zahnputzbechern nicht so ein Brimborium macht und um Tiere dafür etwas mehr. Er wäre dafür gewesen, mehr Respekt vor dem Leben zu haben als vor dem Tod.

Ich beerdigte an diesem Tag gerechtigkeitshalber ein Stück von Opas Beerdigungsschwein direkt neben dem Friedhof. Mein Opa hätte sich darüber gefreut. Ich hätte mich gern mit ihm zusammen gefreut, dass dem Schwein nun doch noch ein bisschen Gerechtigkeit widerfuhr, wenn auch post mortem. Ich streute die Asche von Opas Hund dazu, die bis dahin neben dem Fernseher gestanden hatte und die die Nachmieter nicht dringend brauchten. Das Beerdigungsschwein taufte ich zuvor noch auf den Namen Alexander, weil es getauft bessere Chancen auf einen Platz im Schnitzelhimmel hatte. Der Hund hatte „Tschidl“ geheißen, was ihm seinerseits wohl den Aufnahmeprozess erschweren würde, aber da konnte ich nichts mehr machen.

Ich glaube, mein Opa hätte gelacht, wenn er mich so gesehen hätte. Als ich ihm damals erklärt hatte, dass ich nie mehr Tiere essen würde, fragte er als einziger Mensch meiner Familie: warum. Er fragte nicht mit dem Ton, der andeutet, dass man sich nicht belehren lassen wird. Er fragte, weil er es ehrlich wissen wollte. Er hielt sogar für einen Moment im Joghurtlöffeln inne. Ich sagte, alle Tiere haben die gleiche Seele. Mein Opa dachte einen Tag nach und aß dann nie wieder welche. Ich hatte ihn vorher schon geliebt, aber jetzt noch mehr. Er, der den Krieg überlebt hatte und der immer gesagt hatte „gegessen wird was auf den Tisch kommt“, er war der einzige Mensch in meiner Familie, der über den Tellerrand hinausdachte. Er war der einzige, der auch Schweinen eine Seele zugestand, selbst wenn er auf dem Sofa lieber Hunde hatte. Mein Opa jedenfalls hätte sich gefreut, dass neben ihm ein Schwein beerdigt wird, auch wenn das andere vielleicht nicht so freut.

Mein Vater freute sich auch nicht so, ahnte ich, als ich vom Friedhof zurückkam, mit Spaten und Schaufel aber ohne Hundeasche. Er würde mich schimpfen, dass ich Schweine beerdige, dass ich Menschen, Hunde und Schweine gleich behandle und somit alle auf Schweineniveau herabstufe. Er hatte nie verstanden, dass es mir nicht um Vergleiche ging, sondern nur darum, das Leben zu ehren, egal welches. „Menschen sind Menschen und Tiere sind Tiere“, hatte es bei uns zuhause immer geheißen. Das implizierte offenbar, dass es gut war, Tiere abzuschlachten, selbst wenn das niemandem was brachte, aber da mein Vater die Macht über Hauswatschn besaß, erwiderte ich darauf selten etwas. Jetzt hätte er mich wohl auch gern zur Hauswatschn antreten lassen, wenn das mit dreißig noch möglich gewesen wäre. Ich lehnte die Schaufel an die Wand und wartete gesenkten Blickes auf die allmonatliche Enterbung, das Hauswatschnersatzinstrument. Mein Vater fragte, wo Tschidl sei. Ich sagte finster: „Bei Opa. Und dem Schwein.“ Ich begann zu weinen. Mein Vater schwieg. Dann nahm er mich in den Arm. Seitdem verstehen wir uns gut.

Mein Vater isst inzwischen auch keine Kühe und Schweine mehr, nur manchmal noch Salami, die ihm meine Mutter einmal im Monat ins Käsebrot schmuggelt, aber die gildet nicht. Er ruft mich an, wenn er Ernährungsratschläge braucht, und ich schreibe ihm Rezepte auf. Es geht ihm besser jetzt, auch körperlich. Meine Eltern sagen nicht mehr zu mir, das mit den Tieren sei nur die Pubertät, das gehe vorbei, das wachse sich aus. Sie waren allerdings schockiert, als ich ihnen sagte, dass ich von nun an nichts mehr von Tieren esse, weil für alles, was man von Tieren nimmt, Tiere sterben müssen, und weil alles, was von Tieren gemacht wird, von ihnen selbst auch gebraucht wird, sonst hätten sie es kaum durch die Evolution geschafft. „Na und“, sagte meine Mutter nach meinem Vortrag. Mein Vater fragte, ob es noch Kuchen gibt, und meine Mutter ging Kuchen holen. Dann saßen mein Vater und ich schweigend auf der Terrasse. Wenn ich gesagt hätte, übrigens ich steh auf Frauen, wäre die Reaktion kein bisschen anders gewesen. Meine Mutter kam wieder raus und legte meinem Vater ein Stück Kuchen auf den Teller. Dann sah sie mich an und fragte mit einem Blick irgendwo zwischen Unsicherheit und Sorge: „Also magst jetzt nix?“ – „Nein danke, Mama.“ – „Aber der ist praktisch veganisch, da sind bloß zwei Eier drin.“

Den Zwei-Eier-Kuchen backt sie jetzt immer und freut sich, dass sie mich unterstützt. Manchmal esse ich ein Stück davon, weil das das Maximum ist, was aus meiner Mutter rauszuholen ist, tierrechtlich. Mein Vater findet vegan auch super, sagt er, während er von seinem Salamibrot abbeißt. Ich kriege manchmal Mails von Vegetariern, die sich bei mir entschuldigen, dass sie „nur“ Vegetarier sind. Ich weiß nicht, wie sie auf die Idee kommen, dass ich ihnen eine moralische Instanz sein könnte, finde das aber sehr lieb. Ich mag Vegetarier nicht weniger als Veganer und finde, dass sich niemand in eine Kategorie pressen lassen muss, wenn er das nicht will. Ich mag einfach alle Menschen, die auch Tiere mögen. Ich mag sogar meine Eltern.

Meine Mutter liebt nach wie vor Tiere wie kein anderer Mensch und isst Tiere so gern wie kein anderer Mensch. A gscheide Schweinshaxn, des is wos, sonst wirst ja nix und sonst kriagst nie a Holz vor der Hüttn. Ich bin sehr glücklich über diese Sätze und habe immer mein Notizbuch parat. Wenn sie mich in meinen Videos von den Auftritten sieht und ich dann sage, „Mama, das bist du“, sagt sie, „des is ja lieb!“. Ich sage dann, „Mama, das ist nicht lieb, ich verarsch dich da voll.“ – „Ehrlich?? Des merk i gar ned. Des stimmt ja alles. Du hast ja wirklich viel weniger Holz vor der Hüttn als früher.“ So sind wir beide zufrieden mit meinen Auftritten.

Bei meinem letzten Auftritt habe ich auf der Bühne zwar kein Schwein neben Opa beerdigt, allerdings ein Huhn neben einem Hamster: Ich nahm es vom Teller, sang ein Lied für das Huhn, taufte es, beerdigte es in einem Haufen Erde auf der Bühne und hielt danach zu Schuberts „Ave Maria“ eine Trauerminute ab. Meine Eltern überlegten, den Notatzt zu rufen, aber genau so und nicht anders möchte ich selbst auch beerdigt werden.

Nur wenn man mich ganz ehrlich fragte, würde ich doch gern anders beerdigt werden: Der Mensch, der mir gleich nach Opa auf dieser Welt am nächsten steht, hat mein Testament in ein Gedicht gegossen. Das Testament gilt, solange wir Tiere schlachten. Ich wünsche mir im Leben nichts mehr, als dass es nicht umgesetzt werden muss.

Aber meine Mutter hat mich damit gefüttert

Johannes Witek

Die Verwaltungsangestellte Gabriele B.
hinterließ nach ihrem plötzlichen Ableben
(Verkehrsunfall)
auf ihrer Festplatte ein in seiner Radikalität
erschreckendes Dokument,
bei dem es sich offenbar
um ihren letzten Willen handelte.

Darin ersuchte sie die Hinterbliebenen
nach ihrem Verscheiden,
ihren Körper in mehrere handliche,
leicht zu transportierende Teile zu zerlegen
um diese dann,
in Zellophan verpackt und mit Preisschildern versehen,
in einer supermarktähnlichen Glasvitrine auszulegen
mit Aufschriften wie:

„Vom Schenkel“
„Lungenbraten“
„Nierenragout“
„Hirn mit Ei“
„Beuschelfleisch“
„Besondere Gustostückerl“

Es war ein ziemlich langes Testament,
im erregten Modus des Manifestes verfasst
(beispielsweise kritisierte Gabriele B.
darin neben vielen anderen Punkten
auch die Tatsache als völlig absurd,
dass wir unsere Scheiße mit Trinkwasser die Toiletten
ruterspülen, anstatt sie, sagen wir,
als Heizmaterial zu verbrennen)
und aufgrund seiner inhaltlichen
Schockwirkung naturgemäß nicht umsetzbar.

Also setzten es die Hinterbliebenen nicht um.
Stattdessen sprachen sie beim Leichenschmaus
darüber. Natürlich wusste man, dass sich Gabriele B.
seit mehreren Jahrzehnten strikt vegetarisch ernährt hatte
(„vegetrianisch“, wie Onkel Günther mehrmals erregt ausrief)
man hatte allerdings stets allgemein angenommen,
dass dies geschähe, um dem Schönheitsideal zu genügen und
schlank zu bleiben
und wer konnte schon ahnen, dass sie
in solche Tiefen der Radikalität abgleiten würde?

Freilich wusste man auch, dass Gabriele B.
es nicht leicht gehabt hatte, hatte sie doch
fünfzehn Jahre in einer ehelosen Beziehung mit einem
Wirtschaftswissenschaftler gelebt,
der sie schließlich verlassen hatte um eine
andere Frau zu heiraten:
jung, schön und ausgebildete Sängerin.

Damit war alles geklärt,
damit erklärten sich die Hinterbliebenen
am Ende langer Diskussionsprozesse alles
und alle waren befriedigt,
wenn auch dem Anlass entsprechend in Trauer,
während sie kauten
und kauten und kauten
und kauten.

 

Gedicht aus: Johannes Witek: Gebete an den Alligator und die Klimaanlage. Chaotic Revelry Verlag 2011. Link zum Interview über sein Buch (und auch das Gedicht) mit Gabriele Busse: http://www.cr-verlag.de/mond-sachertorte.html

Kommentare

  1. Marius meint

    Hallo Gabriele,
    ein ganz wunderbarer Beitrag, ich bin mal gespannt, ob Du als Künstlerin nicht noch ganz große Erfolge haben wirst!
    Wünschen würde ich es Dir! Vegane Grüße aus Berlin Marius

  2. Daniel meint

    Hallo Gabriele,

    dein Humor ist einfach super :) Ganz begeistert bin ich auch von deinem verblichenen Opa, der von einem Tag auf den anderen zum Vegetarier geworden ist. Wenn das nur alle so verstehen würden wie wir :)

    lg
    Daniel

  3. seifert dana meint

    ich hab erst vor kurzem diesen auftritt von dir gesehen,und hab so gelacht und auch ein bißchen geweint.danke und ganz viel erfolg für dich.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *