„Gute Argumente, Fleisch zu essen“ – Interview mit Alice und Hendrik von Unstumm Film

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Unstumm Film – das sind zwei junge Leute, die Aufklärungsfilme zum Thema Tierschutz machen, ohne dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Veröffentlicht werden die Filme auf YouTube, im Anschluss verbreiten sie sich viral über das Netz. Die Themen sind vielfältig, die beiden Filmemacher offen für alles.

Unstumm Film bringt Tierrechtsaktionen in die Öffentlichkeit

Alice von Unstumm Film

Alice von Unstumm Film

Unstumm Film wirft ungeklärte Fragen auf, dazu werden Vorgänge dokumentiert, die in der Öffentlichkeit heutzutage noch wenig Aufmerksamkeit erhalten, wie etwa Tierrechtsaktionen. Zu den bekannten Werken aus dem Unstumm Studio zählen z. B. eine zehnminütige Kurzdoku über die Blockade eines Megabetriebes der Firma Wiesenhof, in der u. a. die Beweggründe der AktivistInnen des Aktionsbündnisses „Mastanlagen Widerstand“ beleuchtet werden und der neueste Superkurzfilm mit dem Titel „Gute Argumente, Fleisch zu essen“.

Menschen ansprechen

Hendrik von Unstumm Film

Hendrik von Unstumm Film

Hendrik und Alice wollen mit ihren Filmen so viele Menschen wie möglich ansprechen, daher achten sie bei jedem Dreh auf die Professionalität der Videos. Alice kümmert sich dabei um die Technik und die Effekte

Anne:
Hallo ihr beiden! Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für das Interview nehmt!

Hendrik: Hallo Anne! Wir haben zu danken, dass du dir die Zeit nimmst!

Anne: Wie lange gibt es Unstumm Film nun schon?

Hendrik: Das erste Projekt von Unstumm Film war das „Pelzfrei“-Video bei der Stuttgarter Pelzfrei-Demo. Das war im Herbst 2013. Seitdem haben wir verschiedene Videoideen umgesetzt.

Anne: Habt ihr früher schon zusammengearbeitet?

Alice: Ja. Wir haben uns vor etwa vier Jahren bei der Tierrechtsiniative Region Stuttgart (TiRS) kennen gelernt, wo wir beide aktiv waren. 2012 haben wir dann zusammen mit einer Gruppe sehr motivierter Freunde und TierrechtlerInnen Animal Equality Germany ins Leben gerufen. Dort war erst Hendrik für die Videos zuständig, hatte aber noch so viele andere Aufgaben, dass ich den Bereich schließlich übernommen habe.

Anne: Was sind eure Hauptthemen? Geht es nur um Tierschutz/Veganismus, oder gibt es auch andere Bereiche, über die ihr berichtet?

Hendrik: Es geht um Veränderung. Das sagt ja auch schon der Name. Unstumm steht für „Gehör verschaffen“. Ob sich immer alles um Tierrechte drehen wird, können wir noch nicht sagen, auch wenn uns das Thema natürlich ganz besonders wichtig ist! Ich denke, wir können uns kaum vorstellen, wie sehr die Tiere in Mastanlagen und Schlachthäusern leiden. Gleichzeitig sind wir auch an einem Punkt, an dem immer mehr Menschen verstehen, dass etwas falsch läuft und sich für Veganismus öffnen. Doch es sind weiterhin Geschichten nötig, um die Menschen dazu zu inspirieren, sich für Veränderungen einzusetzen.

Anne: Derzeit laufen eure Filme auf YouTube. Gibt es Pläne, irgendwann auch für’s Fernsehen zu produzieren?

Alice: YouTube oder Fernsehen – wie praktisch es wäre, wenn man einfach wählen könnte! YouTube ist ja mehr das Los der kleinen, unabhängigen Filmemacher. Wir sind zwar überzeugt, dass gute Webvideos ein großes Potenzial haben können, wären aber sicher nicht abgeneigt, unsere Filme auch im Fernsehen zu zeigen – wenn das so einfach ginge. Das würde auch eine ganz andere Gruppe von Leuten ansprechen, die wir sonst nicht erreichen können.

Anne: Was ist eigentlich der Grund dafür, dass so wenige Filme zu den Themen Tierschutz und Veganismus im Fernsehen laufen? Möchte man sich darüber informieren, muss man zumeist auf Bücher, Webseiten, YouTube und Podcasts zurückgreifen.

Hendrik: Ich denke nicht, dass wenig darüber berichtet wird. Im Gegenteil: Das Interesse der Medien bezüglich Tierhaltung ist sogar recht groß! Ich versuche die mediale Berichterstattung einigermaßen zu verfolgen, früher habe ich mich über jeden kritischen Bericht über Tierleid gefreut. Heute komme ich da kaum noch nach, mir die Berichte und Artikel alle anzuschauen. Auch über Veganismus wird immer häufiger positiv berichtet. Aber es stimmt natürlich auch, wer sich wirklich fundiert über Veganismus informieren möchte, landet meist auf Webseiten von Orgas oder AktivistInnen.

Anne: Alice, du bist nicht nur Filmerin, sondern machst außerdem unter dem Namen „Halbwegs“ Musik und produzierst die Musik für eure Videos. Bleibt Dir da noch Zeit für andere Freizeitbeschäftigungen? Was machst Du beruflich?

Alice: Filmen und Musik machen sind bei mir Freizeitbeschäftigung und Beruf zugleich. Ich finde es auch sehr wichtig, diese beiden Dinge nicht voneinander abzugrenzen. Denn mit was sollte Mensch seine Lebenszeit verbringen? Idealerweise mit Dingen, die ihm Freude bereiten und erfüllen. Darauf lege ich sehr viel Wert. Viel Zeit für anderes bleibt da in der Tat nicht, aber das finde ich nicht sehr tragisch, da ich meine Zeit ja ohnehin meinen Leidenschaften widme.

Anne: Hendrik, du hast mir erzählt, dass dir die Ideen für die Videos häufig während deiner Arbeit für Animal Equality kommen. Was genau ist dort Deine Aufgabe?

Hendrik: Mein Schwerpunkt liegt auf der Pressearbeit und Koordination der Organisation.

Das Unstumm Logo

Das Unstumm Logo

Anne: Euer Video „Pelzfrei“ ist ein Mobilisierungsvideo für Pelzfrei-Demos in ganz Deutschland. Es spannt den Bogen vom Tierleid in den Pelzfarmen über den Verkauf der Pelze bis zur energiegeladenen Demo „Stuttgart Pelzfrei“ 2013. Wie viel Zeit hat die Produktion des Films von der Recherche bis zum Hochladen auf YouTube in Anspruch genommen?

Alice: Die Produktion hat insgesamt ca. 1,5 Monate gedauert. Wir könnten ein solches Projekt heute sicher in weniger als der Hälfte der Zeit abwickeln, in dem Fall war es aber sehr gut, alles etwas ruhiger anzugehen. Das Konzept stand vor dem Drehen nur sehr grob fest. Wir wussten nur, dass wir ein Mobilisierungsvideo mit Portraits von AktivistInnen machen wollten. Danach hat es eine Weile gedauert, das gesammelte Videomaterial zu sichten in eine stimmige Reihenfolge zu bringen. Auch habe ich in der Zeit eine Menge Neues gelernt. Musik am Computer zu machen war für mich beispielsweise ein ganz neues Gebiet.

Anne: In eurem Video „Was darf der Mensch“ versucht ihr, inspiriert von einem Interview mit der Philosophin Arianna Ferrari, den Grundgedanken der Tierrechte zu erläutern. Es werden Fragen aufgeworfen, wie: „Darf der Mensch töten, um zu essen?“ „Mit welchem Recht?“. Werden diese Fragen mit Absicht nicht beantwortet?

Hendrik: Ja. Wir sind überzeugt, dass gerade durch diese vorsichtigere Botschaft, Menschen eher angesprochen werden können. Wer sich angegriffen fühlt, hört nicht mehr zu. Deshalb ein Video ohne Zeigefinger. Fragen sind zudem oftmals viel spannender als eine klare Aussage.

Anne:
Du hast ja gerade schon kurz angesprochen, Hendrik, für was „Unstumm“ u. a. steht. Wie seid ihr auf den Namen „Unstumm“ gekommen? Was bedeutet er für Dich, Alice?

Alice: Hendriks Begeisterung gegenüber meinem Vorschlag, uns „Unstumm Film“ zu nennen, hielt sich zu Anfang noch sehr in Grenzen. Der Name ist eben schon recht holprig und klingt zudem sehr „deutsch“. Allerdings waren wir auch auf der Suche nach einem Namen, dessen Bedeutung sich von selbst erklärt, zudem wollten wir die unsere zukünftigen Themen nicht zu fest zementieren. Unstumm klingt nach Widerstand und Lust auf Veränderung, das passt zum Tierschutz genau wie auch zu vielen anderen Themen, außerdem ist er wunderbar einprägsam (grinst).

Anne: Wolltet ihr schon immer Filme machen?

Hendrik: Ich habe zumindest schon immer sehr gerne Filme geschaut. Mein Kopf funktioniert sehr visuell. Manchmal lassen mich gesehene Bilder nicht mehr los. Erzählt man etwas mit Bildern, erzielt man meist eine intensivere Wirkung, als wenn man das „nur“ mit Worten tut, das Potential mit Filmen Menschen zu erreichen ist sehr hoch.

Die Schwelle, sich schnell ein Video anzusehen ist relativ gering: Wenn mich ein Thema nur bedingt interessiert, würde ich mir zweimal überlegen, mir ein Buch dazu durchzulesen, schnell ein Video anzuklicken kostet da schon wesentlich weniger Überwindung.

Anne: Ihr lebt beide vegan. Seit wann? Hattet ihr dabei bestimmte Vorbilder? Habt ihr vorher vegetarisch gegessen?

Hendrik: Ich lebe seit 8 Jahren vegan. Mir ist das gar nicht so bewusst, dass meine Umstellung schon so lange zurückliegt! Davor habe ich zwei Jahre vegetarisch gelebt. Wirkliche Vorbilder hatte ich nicht. Aber ich denke, dass ich mich schon immer damit auseinandergesetzt habe, was alles auf der Welt passiert und dass es viele Dinge gibt, die sich dringend ändern müssen. Als mir bewusst wurde, wie sehr die Tiere leiden, war mir sehr schnell klar, dass ich genau an dieser Stelle ansetzen muss, wenn ich wirklich etwas verändern möchte.

Alice: Ich war etwa drei Jahre lang Vegetarierin, als mir eine sehr liebe Veganerin über den Weg gelaufen ist. Die hat mich mit ihrer veganen Kürbissuppe und gutem Chai-Tee mit Sojamilch bezirzt und mir zum Abschied Marc Pierschels Buch „Vegan! Vegane Lebensweise für alle“ in die Hand gedrückt. Ich hab es gelesen und war sofort überzeugt. Danach gab es für mich keine Rechtfertigung mehr, Tierisches zu mir zu nehmen. Gemeinsam mit meiner Schwester bin ich auf diesem Wege vor vier Jahren Veganerin geworden. Heute würde ich diesen Schritt als eine der bedeutsamsten Entscheidungen in meinem Leben bezeichnen.

Anne: Eine Frage, die ich Tierrechtlern sehr gerne stelle und die im Hinblick auf euren Film über die „Stuttgart Pelzfrei“-Demo an dieser Stelle auch ganz passend ist: Wie erklärt ihr euch die Tatsache, dass viele Menschen Pelz für schlimm halten, Leder aber ganz selbstverständlich tragen? Mir ist das persönlich ganz besonders wieder auf der letzten Pelzfrei-Demo aufgefallen, die ich besucht habe, die Leute hielten „Stoppt die Tierquälerei“-Schilder hoch und an den Füßen trugen viele von ihnen Lederschuhe.

Alice: Ich denke, dass vielen Menschen, die tatsächlich Leder (und keine täuschend echten Lederimitate) tragen, der Zusammenhang hier einfach nicht bewusst ist.

Auf Pelz zu verzichten ist sehr einfach und die meisten Menschen lehnen Tierfell ohnehin ab. Eine Demo gegen Pelz ist da die perfekte Gelegenheit um einen Denkanstoss in die richtige Richtung zu geben. Leute, die sich noch nicht näher mit dem Umgang mit Tieren in unserer Gesellschaft auseinandergesetzt haben, können dort auch direkt für weitere Themen sensibilisiert werden. Zum Beispiel auch für Leder.

Anne: Zum Thema Veganismus und Tierschutz kursieren in der letzten Zeit immer mehr Filme im Internet, von „Gabel statt Skalpell“ über „Earthlings“ bis hin zu „Unsinn Tierversuch“. Welchen dieser Filme haltet ihr in seiner Aussage für am wirkungsvollsten? Glaubt ihr daran, dass einen das Anschauen eines solchen Films schon zum Veganer machen kann? Oder sind dazu noch andere Vorraussetzungen notwendig?

Hendrik: Das ist eine wichtige und zudem sehr komplexe Frage! Zunächst würde ich sagen, dass alle Menschen unterschiedlich funktionieren und es daher auch verschiedene Wege gibt, die dazu führen, dass sie sich für ein veganes Leben entscheiden. Persönliche Anekdoten berichten immer wieder, dass z. B. der Film „Earthlings“ eine sehr große Rolle bei der Entscheidung gespielt hat. Ich kann mir allerdings auch vorstellen, dass es viele Menschen gibt, die nicht mal die ersten zwei Minuten dieses Werks durchstehen würden. Genau aus diesem Grund ist es sehr wichtig, verschiedene Typen auf verschiedene Arten mit dem Thema vertraut zu machen.

Neben der Aufklärung ist es auch besonders wichtig, zu zeigen, was es bedeutet, vegan zu leben und auch immer wieder ein paar positive, inspirierende Geschichten mit einfließen zu lassen. Das Wichtigste ist doch, dass man die Menschen bewegt und zum Nachdenken anregt.

Anne: Das jahrhundertelange Fehlverständnis vom Bewusstsein der Tiere ist daran schuld, dass viele noch heute davon ausgehen, dass der Mensch das einzige Lebewesen mit einem Bewusstsein ist, mit der Fähigkeit Gefühle und Schmerzen wahrzunehmen, Beziehungen zu haben und zu interagieren. Seid ihr der Meinung, dass es eine breitere, flächendeckende Aufklärung möglich macht, dass die Menschheit den Tieren auf Dauer nachhaltig respektvoller begegnen wird?

Hendrik: Absolut! Ohne Aufklärung kann kein gesellschaftlicher Wandel stattfinden. Ich bin davon überzeugt, dass sich für die Tiere in den nächsten Jahrzehnten sehr viel ändern wird. Wir stehen tatsächlich am Anfang. Momentan machen wir nur die Vorarbeit für eine weitreichende Veränderung!

Auch hier ist es wichtig zu verstehen, wie wichtig Fotos oder Videos sind. Viele Dinge sind für die Menschen einfach nicht existent, wenn sie nicht dokumentiert werden. Was wüssten wir über Massentierhaltung, ohne die wichtigen Recherchen von AktivistInnen, die die Realität der Tiere an die Öffentlichkeit bringen und gebracht haben?

Anne: Mit euren Filmen setzt ihr euch besonders für den Tierschutzgedanken ein und helft aktiv bei der Aufklärung mit. Eine Sache, die jeder für die Rechte der Tiere machen kann/sollte, auch wenn er nicht die Möglichkeit hat, Filme zu produzieren?

Alice: Allem voran natürlich: Vegan leben. Darüber hinaus gibt es natürlich noch viele weitere Möglichkeiten, aktiv zu sein. Jeder kann in seinem persönlichen Umfeld wirken und einen Teil zum Wandel beitragen. Z. B. kann man Freunden davon erzählen, im Kreise der Familie diskutieren, sich an Straßenaktionen beteiligen, Demos besuchen, Flyer verteilen, sich für Infostände, Vorträge und Benefizveranstaltungen in einer Gruppe organisieren, die Liste ist endlos, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Am wichtigsten finde ich es, ein positives Bild auszustrahlen und auf sich selbst zu achten, damit man nicht irgendwann vor lauter Aktivismus völlig ausgebrannt ist.

Viele Gruppen suchen auch gezielt Menschen, die sich mit Grafikdesign, Webdesign oder Fotografie auskennen. Auch ÜbersetzerInnen, TierärztInnen oder ExpertInnen im Bereich Agrarwissenschaften werden gebraucht. Wer für all das keine Zeit hat: Tierrechtsorganisationen mit einer Spende unterstützen.

Anne: Euer neuestes Werk trägt den Namen „Zukunft ohne Massentierhaltung“, darin wird über die Großdemo in Berlin zum Thema Massentierhaltung berichtet, die unter dem Motto „Wir haben es satt“ lief. Ihr habt es im Auftrag der Albert Schweitzer Stiftung produziert. Was ist als nächstes geplant?

Alice: Mit unserem aktuellen Projekt haben wir uns mal um einen humorvolleren Ansatz zu dem sonst so ernsten Thema Fleischkonsum bemüht. Häufig sind es eben die lustigen Geschichten, die man am ehesten weitererzählt. Besonders wenn es dabei eine unerwartete Wendung gibt. Das haben wir versucht umzusetzen. Aber mehr möchte ich hier nicht verraten. Schaut selbst!

Anne:
Vielen Dank für dieses überaus interessante Interview! Ich wünsche euch für die Zukunft von Unstumm Film alles Gute!

Alice: Vielen Dank an Vegan News! Macht weiter so!

Hendrik: Vielen Dank!

Wer mehr über Unstumm Film erfahren möchte, kann dies auf Hendriks und Alices Facebook-Seite tun.

Hier ist das aktuelle Werk der Unstumm Crew: „Gute Argumente, Fleisch zu essen“

Weitere im Interview genannte Videos

Kommentare

  1. meint

    Liebe Leute!
    Eine tolle Broschüre!
    Gerne würde ich diese auch verteilen.
    Kann ich mindestens 100 Exemplare ordern?
    Kosten übernehme ich gerne, teilt sie mir bitte kurz mit.
    Liebe Grüße
    Joachim Opitz

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