Die Initiative Tierwohl – Tiere schützen und essen – Geht das?

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Seit Kurzem macht eine Organisation von sich reden, die es sich laut eigener Aussage zum Ziel gesetzt hat, Tiere zu schützen. Mit einigen Ausnahmen: Die Tiere sollen trotzdem gegessen werden und an ihrer Haltung und Schlachtung ändert sich auch nicht viel.

Auf die Fahnen geschrieben hat sich die sogenannte „Initiative Tierwohl“ die Verbesserung des Tierwohls in der Fleischwirtschaft. Das soll gelingen, indem die Landwirtschaft, die Fleischwirtschaft, der Lebensmitteleinzelhandel und am Ende auch die Verbraucher ein stärkeres Bewusstsein für das Tierwohl entwickeln und gemeinsam für Änderungen sorgen. Die Initiative Tierwohl nennt das „Wertschöpfungskette“.

Wovon genau profitieren die Tiere eigentlich?

Laut der Organisation profitieren davon heute bereits 12 Millionen Schweine und 255 Millionen „Hähnchen und Puten“ (So steht es auf der „Initiative Tierwohl“ Homepage) in rund 2.900 Betrieben. Wovon genau, das wird gar nicht groß erklärt.

85 Prozent der Unternehmen des deutschen Lebensmitteleinzelhandels haben laut der „Initiative Tierwohl“ ihre Teilnahme bestätigt. Pro Kilo verkauften Schweine- oder Geflügelfleischs zahlen sie vier Cent an die Initiative. In den nächsten drei Jahren kommt so eine Gesamtsumme von 255 Millionen Euro zusammen, mit der sogenannte „Tierwohlmaßnahmen“ durchgeführt werden sollen. Was das genau bedeutet, darüber lässt einen die „Initiative Tierwohl“ erst mal im Dunkeln.

Seit dem 1. April 2015 können sich Schweinemastbetriebe bei der Organisation registrieren lassen. Das haben bereits 2.100 getan. Zunächst wird eine sogenannte „Auditierung“ durchgeführt, die die Bauern bestehen müssen. Was das genau bedeutet, dazu später. Auf der Homepage wird erklärt, rund 2.000 Betriebe wären bereits erfolgreich durch diese „Prüfung“ gegangen. Seit Juli 2015 können auch Geflügelbetriebe mitmachen, rund 900 davon sind inzwischen zugelassen und haben eine ähnliche Kontrolle bestanden.

„Die Unternehmen der Fleischwirtschaft sind ein wichtiger Baustein“

Dass die Unternehmen der Fleischwirtschaft ein wichtiger Baustein der „Initiative Tierwohl“ sind, darüber wird kein Blatt vor den Mund genommen. Wie sich das wirtschaftlich auf die Organisation auswirkt, darüber kann man nur spekulieren.

Kontrolliert werden die Effektivität der Betäubung vor dem Schlachten, sowie die Organisation im Fleischbetrieb, was die Anlieferung und Erfassung der Tiere im Schlachthaus angeht. Grundanforderungen, die Ställe und Tränken betreffen, sollte es längst geben, die Initiative hat auch dies in ihren Grundlagen stehen. Anhand eines Programmhandbuches führen Prüfer unabhängige Kontrollen nach einer vorgegebenen Prüfsystematik durch.

Hauptaugenmerk der „Initiative Tierwohl“ gilt dem Billigfleisch aus dem Discounter. Die Aussage für den Verbraucher: Du kannst das jetzt wieder beruhigt essen, der Wirbel um die Billigfleisch-Skandale hat ein Ende. Aldi, Tengelmann, Lidl, Real, Penny und Kaufland: Sie alle haben abgepacktes Fleisch aus Betrieben der Initiative in ihrer Kühltheke ausliegen.

„Schritt für Schritt“ möchte die Organisation die Bedingungen für die Tiere verbessern. Der Begriff „Schritt für Schritt“ erfreut sich ja derzeit immer größerer Beliebtheit. Grundsätzlich ist auch nichts Falsches daran („Erst esse ich kein Fleisch mehr, dann verzichte ich auf Käse, dann werde ich Veganer“). Doch wird der Ausdruck mehr und mehr gedehnt und von immer mehr Leuten verwendet, die etwas ganz anderes im Blick haben: Die Konsumenten an die Ware zu binden und dafür zu sorgen, dass das Geschäft weiterhin gut läuft.

Das Image der Fleischindustrie ist angekratzt

Das Image der Fleischindustrie ist angekratzt. Berichte über Qualen im Maststall, Massentierhaltung und zerschredderte Küken dringen nach und nach an die Öffentlichkeit. Auch wenn man versucht, die Wahrheit hinter den Mauern zu verbergen, werden die Schlachthäuser doch immer gläserner.

Noch sind die Verkaufszahlen unfassbar hoch, doch nach und nach lässt sich ein kleiner aber stetiger Abwärtstrend erkennen. Bei der „Initiative Tierwohl“ rät man zum Kauf von Abpackfleisch aus Supermarktketten und Billigdiscountern. Der Marktanteil dieser Betriebe liegt beim Fleisch nach wie vor bei 85 Prozent.

Die Kunden werden beruhigt, indem sie 4 Cent pro Kilo für das „Wohl der Tiere“ spenden. Zusätzliches Kraftfutter, Heu und eine bessere Belüftung des Stalls soll ihre Qualen mildern. Welches Fleisch nun wirklich aus Betrieben kommt, die von der Initiative kontrolliert werden, das kann man beim Einkauf nicht erkennen. Ein Label gibt es nicht und wird es auch nicht geben. Kommentiert wird das folgendermaßen:

„Der Markt mit seiner Komplexität in der Zuliefererkette macht ein Labeling auf breiter Ebene schwierig, weil jeder einzelne Betrieb der Kette teilnehmen müsste. Das würde in der Rückverfolgung viel Geld kosten, das wir lieber für das Tierwohl ausgeben möchten.“

Für Transparenz fehlt bei der „Initiative Tierwohl“ das Geld

Es gibt keine Möglichkeit zu wählen, die Transparenz lässt zu wünschen übrig. Und ist es nicht genau das, worum es beim Tierschutz geht? Transparenz? Doch nicht nur das stimmt einen mehr als nachdenklich.

Um Teil der „Initiative Tierwohl“ zu werden, müssen die Betriebe Tageslicht in den Ställen garantieren, jährlich das Klima im Stall kontrollieren und den Antibiotikaverbrauch für die Tiere „analysieren lassen“. Zusätzlich hat jeder Betrieb die Möglichkeit, aus verschiedenen Maßnahmen eine für ihn umsetzbare zu wählen: „Ständiger Zugang zum Raufutter“ (Stroh und Heu) oder „Zehn Prozent mehr Platz für die Tiere im Stall“ beispielsweise. Je mehr Maßnahmen umgesetzt werden, desto mehr Subventionen bekommt der Bauer.

Einem Schwein von 110 kg Körpergewicht steht gesetzlich gerade mal ein Quadratmeter Raum zu. Der zusätzliche Platz, der durch die Zehn Prozent Regelung hinzukommt, ist nicht viel größer als ein DIN A4 Blatt. Dinge wie Kastration ohne Betäubung oder Schwanzkürzen werden gar nicht erst aufgeführt, sie sind weiterhin erlaubt.

Härtere Gesetze werden verhindert

Durch die Freiwilligkeit der Teilnahme an der „Initiative Tierwohl“ werden härtere Gesetze verhindert. Das Image der Fleischindustrie soll wieder ins rechte Licht gerückt werden, ohne dass sich an der Lage der Tiere grundlegend etwas ändern wird.

Derzeit taucht die Initiative in den Schlagzeilen auf mit Aussagen wie es fehle das Geld dafür, alle Bauern teilnehmen zu lassen. Wie es weitergeht, ist noch nicht klar, bleibt zu hoffen, dass sich doch auf der gesetzlichen Ebene mal was tut und auf diesem Wege vielleicht mehr erreicht wird.

Auch der Tierschutzbund hat vor einiger Zeit eine Initiative ins Leben gerufen, die für bessere Bedingungen in Schlachtbetrieben und Höfen sorgen soll. Das Label „Tierschutzfleisch“ ist derzeit in immer mehr Supermärkten auf abgepacktem Fleisch zu finden.

Eine zweifelhafte Art und Weise, die das Ziel, die Rechte der Tiere zu stärken, leider sehr verschwimmen lässt. Umso wichtiger, sich täglich einzusetzen, für wirklichen Tierschutz zu kämpfen, sich stark zu machen und weiterhin auf den Konsum von tierischen Produkten zu verzichten.

Artikel: Anne Reis, cardamonchai.com

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