Kastrationspflicht für Katzen – 100 Organisationen setzen sich für Einführung in der Schweiz ein

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Kastrationspflicht für Katzen in der Schweiz
Über 100 Schweizer Tierschutzorganisationen stehen hinter der Forderung nach einer Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen in der Schweiz. Lanciert wurde die Kampagne durch die Tierschutzorganisation NetAP und die Stiftung für das Tier im Recht. Wenn 100 Organisationen in einem kleinen Land wie der Schweiz gemeinsam für etwas kämpfen, dann muss mehr dahinter stecken. Ich wollte von Esther Geisser von NetAP wissen, warum eine Kastrationspflicht für Katzen so enorm wichtig ist.

Interview mit Esther Geisser von NetAP zur geforderten Kastrationspflicht

Sabine: Ist das Katzenleid in der Schweiz besonders groß?

Esther: Ja! Aber nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland, im übrigen Europa und in vielen weiteren Ländern dieser Welt.

Sabine: Wieso hört man so wenig vom Katzenelend?

Esther: Anders als Hunde bilden Katzen keine Rudel und fallen bereits deshalb weniger auf. Sie zeigen sich oft nur in der Dämmerung, und verwilderte Tiere meiden ganz allgemein den Kontakt zu Menschen. Sie machen sich selten und schon gar nicht lautstark bemerkbar. Wenn sie verletzt oder krank sind, ziehen sie sich zurück und sterben still und einsam irgendwo im Nirgendwo, ohne dass dieses Leiden von der Öffentlichkeit bemerkt würde. Vor Katzen hat kaum jemand Angst und mangels Gefahr für den Menschen wird nichts unternommen. Werden Katzen zum Problem, wird dies vielerorts schnell und unkompliziert „gelöst“. Man jagt sie weg, und wenn dies nichts bringt, dann tötet man einfach den Nachwuchs, legt Giftköder oder greift zum Gewehr.

Sabine: Bist du selbst oft mit Katzenleid konfrontiert?

Esther: Allerdings. Unsere Organisation ist fast ununterbrochen im Einsatz, um die Lebenssituation dieser Tiere zu verbessern. Wir arbeiten sowohl in der Schweiz, als auch in Europa und in Asien, und wir sind in jedem Land mit viel Grausamkeit gegenüber den Samtpfoten konfrontiert. Während man in ärmeren Ländern manchmal noch Armut und Unwissenheit als Erklärung aufführen kann, gibt es für Deutschland und die Schweiz keine Entschuldigung. Die Behörden und Politiker hätten längst etwas gegen das Elend unternehmen müssen und können.

Die Katze ist zum „Wegwerftier” verkommen

Sabine: Kannst du das Leid genauer beschreiben?

wilde KatzeEsther:  Einerseits gibt es unzählige herrenlose Tiere, oder sagen wir mal „nicht betreute“ Miezen, die mehr schlecht als recht auf Höfen, in Schrebergärten, auf Industriebrachen oder an vielen andern Orten vor sich hinvegetieren. Hunger, Krankheiten, Unfälle und Revierstreitigkeiten gehören für sie zum Alltag. Als ob diese schwierige Situation nicht schon hart genug wäre, vermehren sich die unkastrierten Tiere auch noch ständig weiter. Die Paarung bedeutet für Katzen Stress pur und die Aufzucht der Welpen unter solchen Umständen erst recht. Die Sterblichkeit unter den Jungtieren ist entsprechend gross. Andererseits sind auch die Tierheime voll mit Katzen, die niemand haben will, weil an jeder Ecke weitre Jungtiere laufend und oft auch absichtlich produziert werden. Tierärzte sehen sich ständig mit Tieren konfrontiert, die der Halter aufgrund kleiner Probleme sofort einschläfern lassen will. Warum ein gebrochenes Bein operieren, wenn man an jeder Ecke kostenlos eine neue Katze bekommt? Die Katze ist zu einer Art „Wegwerftier” in unserer Gesellschaft verkommen, das zu gefallen und zu funktionieren hat. Schnell und unüberlegt angeschafft wird die Katze auch genauso schnell wieder entsorgt.

Sabine: Und du meinst, eine Kastrationspflicht würde daran was ändern?

Esther: Würde mehr kastriert werden, gäbe es weniger Katzen. Die Katze bekäme wieder einen höheren Stellenwert, man würde sich mehr Gedanken um die Bedürfnisse der Vierbeiner machen und sich nicht unüberlegt eine Katze anschaffen und wenn doch, mehr Sorge für sie tragen, wenn Ersatz nicht mehr schnell und kostenlos an jeder Ecke zu kriegen wäre.

Der Kauf beim Züchter ist reiner Egoismus

Sabine: Viele Menschen idealisieren die Geburt von Katzenbabys und deren Aufzucht leider als ein besonders schönes Erlebnis, welches sie ihren Kindern gerne ermöglichen würden.

Esther: Ich höre das immer wieder. Natürlich sind Katzenbabys etwas vom Süßesten, das es gibt. Aber es gibt nun mal zu viele Katzen, und da muss das Bedürfnis eines einzelnen vor dem Tierwohl zurücktreten. Wenn jeder auch noch absichtlich laufend weiteren Nachwuchs produziert, dann werden wir das Katzenleid nie kontrollieren können. Das Argument wird also nicht aus Sicht und im Interesse der Katze, sondern nur des Menschen angeführt. Oft wird dann als Entschuldigung auch das längst widerlegte Argument angeführt, dass aus medizinischen Gründen jede Katze mindestens einmal im Leben Junge gehabt haben muss.

Sabine: Aber „verantwortungsvolle Katzenhalter” finden doch für diesen Nachwuchs angeblich jeweils gute Plätze?

Kastrationspflicht-01Esther: Was genau heißt verantwortungsvoll? Übernehmen diese Halter die lebenslange Verantwortung für all diese von ihnen produzierten und dann vermittelten Katzen und auch von deren potentiellem Nachwuchs? Seien wir ehrlich. Sobald das „Naturerlebnis“ vorbei ist und die Kätzchen vermittelt sind, heißt es nur noch: aus den Augen, aus dem Sinn. Vielleicht hat man die ersten Wochen noch etwas Kontakt, aber bald schläft der ein. Und wer weiß, ob diese Tiere dann nicht doch auch bald schon entsorgt werden, auf der Strasse oder im Tierheim: weil das Tier nicht mehr den Ansprüchen genügt, oder weil ein Kind, ein Hund oder ein neuer Partner der Katze den Platz in der Lebensgestaltung streitig machen. Oder die Scheidung, der Arbeitsplatz- oder Wohnungswechsel werden als Ausrede genommen, die Katze loszuwerden. Die Gründe, warum Katzen zu oft ihr Zuhause verlieren sind so vielseitig wie die Katzen selbst. Es tut mir leid, aber wer unter den bestehenden Umständen noch extra Kätzchen in die Welt setzt, handelt aus purem, reinem Egoismus.

Kastration ist das weitaus kleinere Übel

Sabine: Die Kastration ist ein großer Einschnitt in die Persönlichkeit der Katze. Verstehst du Personen, die ihrem Tier die Sexualität weiterhin ermöglichen wollen?

Esther: In einer perfekten Welt würde ich das verstehen. Aber die Welt ist nun mal leider nicht perfekt. Und in Anbetracht des großen Elends, das durch die unkontrollierte Vermehrung verursacht wird, ist die Kastration ein kleiner Einschnitt in das Leben einer Katze. Zudem ist Sexualität für die Katzen generell mit viel Stress verbunden und für die Kätzin äußerst schmerzhaft. Auch werden durch die unkontrollierte Vermehrung Krankheiten wie FIV und FelV laufend weiterverbreitet. Glücklicherweise bietet die Kastration sogar einige gesundheitliche Vorteile für die Tiere, weil sie z.B. gewisse Krebsarten nicht oder weniger bekommen können und auch Gebärmuttervereiterungen wegfallen. Hand aufs Herz: Kinder in einem behüteten Umfeld aufzuziehen mag etwas Schönes sein. Wenn du aber jeden Tag um das eigene Überleben kämpfen musst, dann sollten die Prioritäten vielmehr darauf gerichtet werden. Zu viele Kätzchen sterben an Unterernährung, Unfällen, Krankheiten oder weil sie vom Menschen zur Populationskontrolle getötet werden.

Sabine: Jetzt gibt es sicher Menschen, die sagen: „Wenn nun aber eine Kastrationspflicht eingeführt wird, sterben dann die Katzen nicht irgendwann aus?”

KastrationsoperationEsther: Das ist sehr unwahrscheinlich. Zunächst wird es schwierig werden, sämtliche Streunerkatzen einzufangen und zu kastrieren, d.h. es muss immer mit einer Restzahl an unkastrierten Katzen gerechnet werden. Ferner kommen aus dem Ausland neue Katzen über die offene grüne Grenze, die ebenfalls für Nachwuchs in der Schweiz sorgen. Und sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass die Hauskatze vom Aussterben bedroht wäre, kann das Gesetz beziehungsweise die Verordnung den Umständen wieder angepasst werden.

Sabine: Wäre es denkbar, die Katzen zu sterilisieren anstatt zu kastrieren? Was genau ist der Unterschied?

Esther: Bei der Sterilisation werden die Transportwege lediglich unterbrochen, um eine Fortpflanzung zu verhindern, d. h. beim Kater werden die Samenleiter und bei der Kätzin die Eileiter abgebunden. Bei der Kastration jedoch werden bei den Katern die Hoden und bei den Katzen die Eierstöcke vollständig entfernt. Erfahrene Tierärzte führen diese Operation in wenigen Minuten und ohne Komplikationen für das Tier durch. Aus Sicht des Tieres ist die blosse Sterilisation nicht zu empfehlen. Nur die Kastration bewirkt eine Beeinflussung des Hormonhaushalts, indem sie die Bildung von Sexualhormonen verhindert. Erst dies führt zu einer Verhaltensänderung der Katze (z. B. kein Paarungsstress mehr, weniger ausgeprägtes Revierverhalten, reduzierte Aggressivität und Kampfeslust, die wiederum weniger Verletzungen verursacht). Die für die Halter wünschenswerten Vorteile sind durch eine Sterilisation alleine auch nicht zu erzielen (z. B. Symptome von Rolligkeit, übelriechende Markierungen, geringeres Bedürfnis zu streunen, stärkere Menschbezogenheit).

Sabine: Nicht alle Menschen sind Katzenfreunde. Wie überzeugst du Katzengegner von eurer Forderung? Ihr braucht ja viele Stimmen!

Esther: Die Kastrationspflicht kommt nicht nur Katzenfreunden zu Gute. Da durch eine Kastrationspflicht die Überpopulation eingedämmt wird, werden sich auch Katzengegner freuen. Artenschützer werden es begrüssen, wenn sich die Hauskatze nicht mehr mit der geschützten Wildkatze paaren und deren Genpool verändern kann. Naturschützer sind froh, wenn durch eine Senkung der Anzahl Katzen auch weniger Kleintiere (z. B. Amphibien oder Vögel) zur Beute der Vierbeiner werden. Eigentlich gibt es wirklich keine Gründe, nicht für eine Kastrationspflicht zu sein, außer rein persönliche.

Wer eine Katze will, sollte ins Tierheim gehen

Sabine: Was rätst du Menschen, die etwas gegen das Katzenleid unternehmen möchten?

StreunerEsther: In erster Linie sollte man Tierschutzkatzen adoptieren, z. B. aus dem Tierheim, und nicht Katzen beim Züchter kaufen. Selbstverständlich kastriert man die eigene Samtpfote und sensibilisiert auch sein Umfeld dafür, dies zu tun. Sieht man unkastrierte herrenlose Tiere, sollte man handeln. Wir haben einen sogenannten Wegweiser erstellt, der unter dem Titel „Verwilderte Katzen – was tun?“ Schritt für Schritt erklärt, wie man vorgehen kann, um die Lebenssituation dieser Tiere zu verbessern und dafür zu sorgen, dass nicht noch weiterer Nachwuchs in dieses Umfeld hineingeboren wird. Natürlich sind Tierschutzorganisationen wie NetAP auf Spenden angewiesen, um für die Tiere weitere Fortschritte zu erzielen. Wir sorgen jährlich für über 13‘000 Kastrationen, würden aber gerne noch viel mehr tun, um Tierleid zu verhindern.

Sabine: Vielen Dank für das ausführliche Gespräch und viel Erfolg bei eurem Vorhaben.

Links

Bildnachweis: www.kastrationspflicht.ch

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