Landwirt klärt auf – Fleischlose Ernährung ist nicht moralisch höherwertig

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Wow. Also wow. Also ich treibe mich ja sonst nicht auf so Seiten katholischer Wochenzeitungen herum, aber neulich erschien da ja ein Artikel zum Thema Landwirtschaft. Dort erklärt uns ein Landwirt und ein Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken einmal im Klartext, was in der Landwirtschaft schief läuft. Dies zu Lesen kam einem Autounfall zuzuschauen gleich. Ob der Interviewte zu viel Weihrauch geschnüffelt hat oder ob das einfach ein Folgeschaden davon ist, ein Buch als moralische Grundlage herzunehmen, in welchem Schlangen sprechen können und Tote wiederauferstehen (nicht Harry Potter, das andere) mag ich nicht zu beurteilen.

Der Landwirt ist der wahre Umwelt- und Tierschützer

Es wird lamentiert, dass die Menschen ein ganz falsches Bild von Landwirten haben. Landwirte seien ja selbstlos handelnde, demütige, ja direkt in Askese lebende Helden. Das seien die wahren Umwelt- und Tierschützer. Vor jeder Waldrodung wird der Umweltschutz abgewogen und vor jeder Schlachtung ein Gebet für das beim Namen bekannte Tier gesprochen.

Deswegen sieht man in jedem Schlachthaus in den hauseigenen Kapellen dutzende Landwirte, die rund um die Uhr für die Tiere beten. Quasi Massenbethaltung.

Ne, jetzt mal im Ernst: „Der Landwirt wird oft als Unternehmer wahrgenommen, der aus rein marktwirtschaftlichem Interesse handelt. Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Sorge um das Tierwohl werden ihm aberkannt. […] Der Großteil der Bauern aber ist sich seiner Verantwortung gegenüber den Menschen, Tieren und der Natur sehr wohl bewusst.“ In was für einer Welt lebt der eigentlich? Landwirte sind Unternehmer. In Deutschland hat die Landwirtschaft letztes Jahr etwa 33 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Das sind keine Spenden für den Dienst an der Gesellschaft. Krankenpfleger hingegen leisten wirklich einen wichtigen Dienst an der Gesellschaft, der nicht als solcher anerkannt wird. (https://volksverpetzer.de/2015/07/warum-du-besser-nicht-krank-werden-solltest/) Aber einen Pfleger habe ich noch nicht mit dickem BMW rumfahren sehen. Landwirte beziehen im Schnitt 40% ihres Einkommens über Subventionen. Vertreter von Bauernverbänden sitzen in beinahe jedem Landtagsausschuss zur Landwirtschaft und sorgen dafür, dass ihre wirtschaftlichen Interessen gewahrt bleiben. Und zwar auf Kosten der Umwelt und der Tiere.

Landwirte getragen von urchristlicher Erfahrung

Und dann redet er einen Schwachsinn nach dem anderen. Der Schöpfungsgedanke habe in den meisten Betrieben seinen Platz. Und das Fließbandabschlachten von Tieren passt wohl gut dazu. Gott trägt seinen Teil zum Gelingen der „Arbeit“ bei (Vermutlich auf die gleiche Weise wie er zu Bürgerkriegen und Malaria seinen Teil beiträgt). Und die Landwirte sehen die Tiere als Lebewesen, woraus sich ein „artgerechter Umgang“ entwickelt.

Es tut mir leid, bei jedem bisschen Respekt, aber das ist einfach gelogen. Die Realität für Tiere sieht einfach anders aus. 56 Milliarden Tiere werden jedes Jahr geschlachtet. Und da sind die Fische rausgerechnet. Das sind acht mal mehr als es Menschen gibt. Die Tiere werden am Fließband umgebracht. Männliche Küken werden direkt nach dem Schlüpfen lebendig geschreddert oder vergast. Säue sind in einen Kastenstand gesperrt, der so eng ist, dass sie sich nicht einmal umdrehen können. Sie stehen auf einem Gitterboden. Ihnen werden unbetäubt die Schwänze abgeschnitten. Artgerecht? Sieht „christliche Moral“ so aus, dass man SO denkende und fühlende Lebewesen behandeln darf?

Der Mann beschwert sich, dass die Leute ein unrealistisches Bild von der Landwirtschaft haben und erzählt uns irgendwelche Märchen von idyllischen Weiden, auf denen glückliche Kühe umhertollen und der altruistische Bauer lachend mit dem Messer zum Schlachten dahergesprungen kommt. 99% aller Tiere in Deutschland kommen aus der Massentierhaltung. Die wenigsten Tiere haben Namen. Oder Platz. Oder sehen die Sonne öfter als einmal, an dem Tag, an dem sie in ihren Tod gefahren werden.

Und von der Umwelt will ich gar nicht erst anfangen. 68% aller weltweit landwirtschaftlich genutzten Flächen werden nur für die Produktion tierischer Nahrungsmittel verbraucht – und das, obwohl Kalorien tierischen Ursprungs nur 20% unserer Ernährung ausmachen. (Und 1 Milliarde Menschen hat gleichzeitig nicht genug zu essen übrigens) Das hat zur Folge, dass die Hälfte alles verfügbaren, sauberen Süßwassers für die Tierproduktion verwendet wird. (Und jede Minute sterben 7 Menschen wegen schlechter Wasserversorgung) Zwischen 18% (FAO) und 51% (World Watch Institute) aller Treibhausgase gehen auf das Konto der Massentierhaltung, direkte Umweltverschmutzung resultiert durch die Unmengen an Gülle, welche Rückstände von Antibiotika, Impfstoffen und Hormonen sowie antibiotikaresistente MRSA-Keime aufweisen und ins Grundwasser gelangten. Laut Greenpeace werden insgesamt 80 Prozent des Regenwaldes im Amazonasgebiet für die Tierhaltung zerstört, da der Regenwald für das Mastfutter der in Europa gezüchteten Tiere gefällt wird.

Wo denkt dieser Mann, dass das „artgerecht“ und „nachhaltig“ sei? Aber der harte Brocken kommt ja erst noch.

„In meinen Augen gehört der Konsum von Fleisch zum Ernährungskreislauf dazu”

Auf die Frage von „Kirche+Leben“, ob denn nicht der Verzicht auf Fleisch das sinnvollste für den Tierschutz sei, palavert er irgendetwas von Ernährungskreislauf und „war schon immer so“. Mord, Krieg und Vergewaltigung war auch schon immer Teil des Menschen und was das, was wir Nahrungsmittelversorgung nennen, mit einem Kreislauf zu tun hat, das soll er mir mal erklären (siehe oben).

Die Zeitschrift fragt dann auch nach, ob das bei „den großen Zahlen“ (aka Massentierhaltung) überhaupt zutrifft und der Interviewte – und das hat NICHTS mit der Frage zu tun – lässt dann folgenden verbalen Kothaufen raus, der als Überschrift dieses Artikels dient: „Es stimmt nicht, dass eine fleischlose Ernährung moralisch höherwertig ist.“ Und dann setzt er noch einen drauf, wenn er behauptet, es sei sehr arrogant und überheblich, so etwas zu behaupten. Das ist direkt unverschämt. Jemand, der sich als „Krone der Schöpfung“ sieht und glaubt, über Leben und Tod von Milliarden fühlender Lebewesen entscheiden zu dürfen, findet es überheblich, wenn jemand sagt, dass er aus Respekt vor dem Leben andere nicht tötet und verspeist. Das ist schon echt ein gewagtes Kunststück. Und dann macht er in dem Duktus weiter: Landwirte haben oft einen engeren Bezug zu ihren Tieren als andere zu ihren Haustieren. Wow. Da hat er mich als Hundehalter tief getroffen. Ich muss gleich zu meinem Hund gehen, den ich am Fleischerhaken aufgehängt habe und ihm endlich mal einen Namen geben, um eine bessere Beziehung zu ihm aufzubauen.

Und dann… dann wird der Text auch nicht besser. Ich weiß, er denkt an die kleinen Familienbetriebe, wo die Tiere vielleicht wirklich nicht so abartig behandelt werden wie in der Massentierhaltung. Doch die machen nur einen winzigen Bruchteil der Realität aus. Und selbst dort werden die Tiere immer noch in ihrer Adoleszenz getötet.

Und ist es wirklich christlich, lebende, fühlende Wesen zu töten, nur um sie essen zu können, wenn dies absolut nicht notwendig ist? Gesundheitlich hat man überhaupt keine Nachteile, wenn man sich vegetarisch oder vegan ernährt und in unserer Konsumgesellschaft gibt es mehr als genug Auswahl an Nahrungsmitteln, sodass wir diejenigen kinderleicht aussparen können, die mit Leid und Tod so vieler fühlender Lebewesen verbunden sind und darüberhinaus auch noch solche negativen Auswirkungen auf Umwelt und Klima haben. Allein die konservativsten Ernährungsempfehlungen in Deutschland sehen vor, dass wir unseren Fleischkonsum halbieren, wenn wir uns gesund ernähren wollen.

Und ja, die kleinbäuerlichen Betriebe gehen nach und nach zu Grunde, alles entwickelt sich hin zu immer größeren Betrieben. Die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe ist in den letzten 10 Jahren um mehr als ein Drittel geschrumpft. Aber, sofern man dies für einen nicht wünschenswerten Trend hält, wirkt man diesem nicht entgegen, wenn man den Konsumenten dazu ermutigt, weiter das 89-Cent Tiefkühlschnitzel aus dem Discounter zu verspeisen, indem man irgendetwas von „Kreislauf“ und „schon immer so“ redet. Der Interviewte beklagt sich darüber, dass sich etwas ändern muss, verteidigt dann aber den Status Quo.

Wir sind ja scheinbar alle dafür, dass es den Tieren besser gehen soll. Dann setzt euch eben bei euren Bauernverbänden dafür ein, dass Tierschutzmaßnahmen durchgesetzt werden. Das Enthornen, das Kupieren der Schwänze, das Schreddern von Küken, das Schlachten trächtiger Kühe. Aus der Sicht eines Tierrechtlers natürlich lediglich bessere Haltungsbedingungen, aber wenn ihr jedes Mal hysterisch aufschreit, was diese Tierschutzmaßnahmen denn kosten werden, dann glaube ich euch nicht, dass euch Tierwohl wichtiger ist als ökonomischer Erfolg. Und wenn ihr die Schuld auf den Konsumenten schieben wollt, dann sagt diesem, dass er beim Kauf eben auf den Tierschutz Rücksicht nehmen soll, dringend seinen Fleischkonsum zurückschrauben muss und redet ihm nicht ein, dass Gott zu alle dem zwei heilige Daumenhoch gibt.

Hier geht’s übrigens zu besagtem Interview: http://kirchensite.de/aktuelles/news-aktuelles/datum/2016/03/31/fleischlose-ernaehrung-ist-nicht-moralisch-hoeherwertig/

xc45jjk1

Kommentare

  1. Gérald Hägele meint

    so empfinden abgehobene klerikal verseuchte Emotionskrüppel:

    „Jemand, der sich als „Krone der Schöpfung“ sieht und glaubt, über Leben und Tod von Milliarden fühlender Lebewesen entscheiden zu dürfen, findet es überheblich, wenn jemand sagt, dass er aus Respekt vor dem Leben andere nicht tötet und verspeist.“

    Aber diese Zurückgebliebenheit resultiert aus Angst
    klar erkennbar anhand der Reaktionen von Landwirten auf VEGAN
    es liegt an uns Aktivisten
    ihnen die Angst zu nehmen
    und aufzuzeigen, dass sie in Zukunft
    gewaltfrei gut Geld verdienen werden
    mit Bio Gemüse, Obst, Wildkräutern, Cannabis…

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