Vegan auf Rezept – Interview mit dem veganen Mediziner Martin Kamma

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Martin Kamma, niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin in Lüneburg, lebt seit 2012 vegan. In seinem Blog „Vegan auf Rezept“ bringt der Mediziner seitdem fast täglich neue Tipps und Infos rund ums Thema vegan. Die vegane Ernährungsweise ist für ihn die gesündeste, die es gibt, seinen Patienten rät er daher regelmäßig dazu.


Martin Kamma bloggt auch zum Thema vegan

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Der vegane Arzt Martin Kamma

Den Schwerpunkt seines Blogs sieht er in der positiven Berichterstattung aus der Sicht eines Mediziners. Dabei arbeitet er besonders die präventiven und therapeutischen Vorteile der veganen Lebensweise heraus, zeigt aber auch die ethischen und globalen Aspekte. Aufgelockert wird das Ganze mit Küchengeheimnissen und Rezepten.

Ich habe mich jetzt mit dem Mediziner über sein Leben, den Veganismus und die Welt unterhalten. Dabei ist ein überaus interessantes Gespräch entstanden.

Anne: Hallo Herr Kamma! Wie geht es ihnen heute? Was gibt es aus der Praxis zu berichten?

Martin: Hallo! Seit ich mich vegan ernähre, und das sind jetzt gut drei Jahre, hatte ich keinen Infekt mehr, ich fühle mich frisch, klar, kraftvoll und deutlich jünger als noch vor Jahren. Ich bin fünfundfünfzig. Immer mehr meiner Patienten hören mir aufmerksam zu, wenn ich über Ernährung spreche.

Auffallend finde ich, dass sich viele meiner männlichen Patienten nicht vorstellen können, Fleisch durch andere Proteine zu ersetzen, und für viele meiner Patientinnen ist die Umstellung von Tier- auf Pflanzenmilchprodukten oft schwer vorstellbar.

Die Veränderung von Ernährungsverhaltensmustern und Geschmacksgewohnheiten ist sehr oft noch mit Verzicht assoziiert. Wer von schwerer Krankheit betroffen ist oder war ist unabhängig vom Geschlecht für Veränderungen offener.

In der akademischen Medizin wird vegan noch nicht als gesund kommuniziert

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Das Sprechzimmer

Anne: Ich muss Ihnen direkt mal gratulieren. Sie sind einer von wenigen Medizinern, die sich für ein veganes Leben entschieden haben. Wie erklären Sie sich, dass es bislang nur so wenige gibt? Vegan hat sich ja eindeutig als die gesündeste Ernährungsweise herausgestellt.

Martin: Das wird in der akademischen Medizin in Deutschland, Österreich und der Schweiz bisher anders kommuniziert. Ernährung kommt als Fach im Studium gar nicht vor. Wer etwas darüber erfahren möchte, liest spezielle Literatur oder nimmt am Weiterbildungsstudium zur „Ernährungsmedizin“ teil.

Das wiederum orientiert sich an den Vorgaben der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung), und die tat sich bisher schwer, die großen, gesundheitlichen Vorteile veganer Ernährung offiziell anzuerkennen. Ein erster „wind of change“ zeigte sich Mitte November 2015 auf einem Journalistenseminar der DGE in Hamburg. Ich berichtete davon auf meinem Blog. Meine Beschäftigung mit Ernährung geht bereits auf meine Heilpraktikerausbildung in den frühen Achtzigern zurück, das war noch vor meinem Medizinstudium.

Anne: Wie kommt es, dass bis heute vegane Ernährung für Mediziner kein studienrelevantes Thema ist? Dabei ist die Wissenschaft doch eigentlich schon so weit?

Martin: Die Themen hat man einfach immer den Oecotrophologen zugeschoben. Die sollten sich darum kümmern. Obgleich es schon immer „Ernährungspäpste“ unter den Medizinern gab wie F.X. Mayr, Schroth, Schnitzer, Bruker und viele andere mehr. Solche Ärzte waren aber schon immer Freaks der Medizin. Ich weiß nicht genau warum, aber wahrscheinlich weil sie eine kritische Auseinandersetzung mit den Lebensgewohnheiten gefordert haben. Das kam noch nie gut an.

Anne: Ihre Kollegen Dr. Hanno Platz und Dr. Barbara Gorißen haben mir in Interviews erzählt, dass sich vegane Ärzte regelmäßig untereinander austauschen. Das stelle ich mir sehr konstruktiv und interessant vor. Haben sie die beiden schon mal getroffen?

Martin: Nein, ich habe von ihnen gehört, aber begegnet sind wir uns bisher noch nicht. Die Vernetzung veganer Ärzte geht ein wenig schleppend voran. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir oft bis zu sechzig Stunden in der Woche arbeiten.

Eine große Plattform für solche Begegnungen ist der VegMed – Kongress in Berlin, der in diesem Jahr vom 22. bis zum 24. April in Berlin stattfindet und zum ersten Mal international ist. Der bisher einzige Medizinkongress in Deutschland zum Thema vegane und vegetarische Ernährung. Ich werde auf jeden Fall wieder dabei sein. Eventuell läuft man sich ja dort über den Weg.

Anne: Stoßen sie häufiger auf Unverständnis bei ihren Kollegen? Lassen die sich gerne beraten, oder versuchen sie eher, sie „auf ihre Seite zu ziehen“?

Die Ernährung spielt in der Therapie noch eine untergeordnete Rolle

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Ein Therapieraum in Martin Kammas Praxis

Martin: Ich habe wenig fachliche Kommunikation mit meinen Kollegen. Wohl wenn es um gemeinsame Patienten geht, aber Ernährung ist da kein Thema. Dafür gibt es kaum eine Grundlage, denn Ernährung spielt bei den meisten meiner Kollegen eine untergeordnete bis keine Rolle in der Therapie.

Zum Aktionsmonat „Lüneburg is(s)t einen Monat vegan“ im Oktober 2015 bin ich mit einem Vortrag und zwei Leserbriefen an die Öffentlichkeit getreten. Ein Kollege aus der Stadt fühlte sich dazu berufen, seine „großen Bedenken“ zu äußern. Der Rest schwieg still. Das Interesse an diesem Thema ist bisher nicht groß unter meinen Kollegen. Wahrscheinlich halten die mich für verrückt.

Anne: Stellen sie sich folgende Situation vor: Sie sind auf einem Ärztekongress, bei dem ein Vortrag über die Nachteile veganer Ernährung, inkl. aller bekannten Vorurteile wie Mangelernährung etc. referiert wird. Was tun sie?

Martin: Vor einigen Jahren noch wäre ich aufgestanden, um kämpferisch meine Gegenargumente vorzutragen. Das ist völlige Zeit- und Kraftverschwendung. Ich missioniere auch nicht, ich lebe vor. Wenn etwas überzeugt, dann das. Glücklicherweise scheint die Zeit bald vorbei zu sein, in der wir uns ständig mit verbalen Feldzügen gegen die vegane Lebensweise auseinandersetzen müssen.

Ich möchte positiv über die vegane Lebensweise berichten

Anne: Haben sie deshalb auch mit dem Bloggen angefangen?

Martin: Ja. Vor allem möchte ich konsequent positiv über die vegane Lebensweise berichten. Viele Nichtveganer mauern sofort, wenn sie einmal mehr mit der Realität von Krankheit, Tierleid, Umweltzerstörung und Klimawandel als Folge von Tierhaltung und omnivorischer Ernährung konfrontiert werden.

Ich glaube aber, das ist oft nur Hilflosigkeit. Sie würden schon ihre Gewohnheiten ändern wollen, doch die Verunsicherung darüber, wie es gehen könnte, wie man es richtig macht, und ob es nicht doch gefährlich sein könnte, ist sehr groß. Das höre ich aus den Gesprächen innerhalb und außerhalb meiner Praxis immer wieder heraus.

Anne: Bekommen sie häufig Anfragen nach Infos und Tipps von ihren Kollegen?

Martin: Von Kollegen bisher noch nie. Von Zahnärzten und Heilpraktikern auch nicht. Medizinisches Interesse an veganer Ernährung bekunden bisher nur Hebammen. Veganismus in Schwangerschaft und Stillzeit ist ein Thema mit rasant zunehmender Aktualität, und von meinen gynäkologischen Kollegen haben Frauen diesbezüglich in aller Regel keine positiven Reaktionen zu erwarten. Also wenden sie sich an ihre Hebammen.

Anne: Wollten sie schon immer Medizin studieren?

Ich wollte schon immer Mediziner werden

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Das Praxisteam

Martin: Ja, ich wollte schon als kleiner Junge Chirurg werden. Als sich die Schule dem Ende neigte, standen auch noch Kapitän zur See und Förster kurz zur Debatte. Tatsächlich habe ich dann später längere Zeit in der Chirurgie gearbeitet, habe mich dann aber doch für die Allgemeinmedizin entschieden. Und ich bin froh, dass ich Arzt geworden bin. Ich glaube, das kann ich am besten.

Anne: Ein Patient mit eindeutigem Übergewicht, zu hohem Cholesterinspiegel und Herzproblemen in der Familiengeschichte kommt zu ihnen in die Praxis. Was raten sie ihm?

Martin: Sehr wahrscheinlich ist er auch noch Diabetiker und hat hohen Blutdruck. Natürlich rate ich dringend dazu, den gesamten Lebensstil zu überdenken. Neben tierfreier Ernährung gibt es es natürlich noch einiges zu berücksichtigen. Vegan ist ja nicht automatisch gesund. Marmeladentoast mit Sojapudding sind auch vegan, und das Angebot an veganem Junkfood und verarbeiteten Lebensmitteln in den Supermärkten wächst explosionsartig.

Vegane Vollwertkost ist der Schlüssel zur Gesundheit

Die Industrie schläft eben nicht. Vegane Vollwertkost mit hohem Rohkost-Anteil ist der Schlüssel zur Gesundheit. Damit muss man sich beschäftigen. Ich plane für dieses Jahr noch entsprechende Kurse für Gesunde und Kranke. Weiterhin wichtig sind der konstruktive Umgang mit Stress, Entspannungstechniken und regelmäßiger moderater Ausdauersport. Den Patienten davon zu überzeugen mitzumachen, ist die eigentliche Aufgabe.

Anne: Wie kommt es eigentlich, dass noch so viele Menschen denken, dass Fleisch gesund ist und für eine ausgewogene Ernährung zwingend notwendig ist. Mit Milch ist das ja sogar fast noch schlimmer. Schon in der Vorschule wird unterrichtet, wie wichtig Milch für den Knochenaufbau ist. Dabei ist sogar das Gegenteil der Fall. Warum ist das ihrer Meinung nach so tief in den Köpfen der Menschen verankert?

Martin: Ich denke, es handelt sich um überlieferte Unwahrheiten wahrscheinlich aus den Zeiten in denen es den Menschen materiell sehr schlecht ging und sie an Hunger litten wie während und nach den Kriegen. Da wurden diese Nahrungsmittel zum Schlüssel für Gesundheit und als Symbol für Wohlstand stilisiert.

Schaut man sich allerdings Krankheitsstatistiken aus diesen Zeiten an, dann stellt man fest, es gab schon einige auf Mangel zurückzuführende Krankheiten. Die Zivilisationskrankheiten, die heute die häufigsten Todesursachen darstellen, gab es da nicht. Dann ist da noch die Lebensmittelindustrie, die das Image von diesen vermeintlich gesunden Lebensmitteln mit ihrer Werbung jahrzehntelang konsequent gepflegt hat.

Anne: Sie leben selbst seit 2012 vegan. Hat sich das bei ihnen schon länger angedeutet, oder kam das ganz spontan?

Martin: Ich habe noch nie viele tierliche Produkte gegessen und hatte schon immer auch wieder längere vegetarische Phasen in meinem Leben. Für das gänzliche Streichen tierlicher Nahrung hatte ich aber offenbar noch nicht das nötige Bewusstsein entwickelt.

Anne: Gab es einen bestimmten Auslöser? Einen Schlüsselmoment, der dazu führte, dass sie gesagt haben „Jetzt höre ich auf!“?

Mit der China-Study kam das Umdenken

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Martin Kamma bei der Kinesiologie-Testung

Martin: Ich war schon seit einiger Zeit dabei, mich intensiver mit veganer Ernährung zu beschäftigen. Ich hatte die China-Study gelesen und den Film „Gabel statt Skalpell“ gesehen, da riss beim Sport meine Achillessehne. Da wusste ich, es gibt noch etwas grundlegendes zu verändern in meinem Leben.

Anne: Hatten sie dabei ein Vorbild?

Martin: Nein, ich bin meiner inneren Stimme gefolgt. Mein Vorbild war ich selbst.

Anne: Beschreiben sie die Vorteile veganer Ernährung in wenigen Sätzen

Martin: Tierleidfrei, umweltverträglich und klimaneutral körperlich und geistig fit zu sein und zu bleiben. Das schafft die Grundlage für ein glückliches Lebensgefühl und Gesundheit.

Anne: Was ist für sie persönlich der wichtigste Grund für ein veganes Leben?

Martin: Es gibt keinen wichtigsten Grund. Wir können unser Leben nicht abgekoppelt von Leid und Zerstörung in der Welt betrachten. Alles hängt zusammen. Was wir brauchen, ist eine geistig, emotional und physisch gesunde Erde. Nur so gibt es Lebensraum für geistig, emotional und körperlich gesunde Menschen und eine gewaltfreie Koexistenz mit den Tieren.

Ich spreche meine Patienten ganz direkt an

Anne: Wie sprechen sie ihre Patienten auf das Thema vegan an?

Martin: Ganz direkt: „Können Sie sich vorstellen, sich tierfrei zu ernähren?“ Von der Antwort hängt dann ab, wie ich das Gespräch weiter führe.

Anne: Gibt es viele Menschen, die vegan wurden, nachdem sie bei ihnen in der Praxis waren?

Martin: Ja, da gibt es schon so einige, die ihre chronischen Leiden erheblich bessern oder sogar zur Heilung bringen konnten mit veganer Ernährung. Jüngere Patienten ohne chronische Krankheiten haben meist schon für sich selbst entschieden vegan zu leben und kommen zu mir, weil ich als veggiefreundlicher Mediziner bekannt bin. Ich unterstütze sie.

Anne: Jeder Veganer kennt das. Man trifft sich mit Freunden und kaum kommt es zu einer Gesprächslücke werden einem Standartfragen gestellt. „Ich wollte ja schon immer mal fragen: Was isst du eigentlich noch?“, „Also unsere Vorfahren haben doch auch Fleisch gegessen, das ist doch dann natürlich, oder?“, die Liste ist lang, die Fragen wiederholen sich immer wieder – Welche davon haben sie bis jetzt am häufigsten gehört und wie beantworten sie sie?

Martin: „Was isst Du dann eigentlich noch“, ist schon die häufigste Frage. Ich antworte dann gerne: „Also ich wähle dann mal aus ungefähr zwanzig verschiedenen Getreiden, zwanzig verschiedenen Hülsenfrüchten, fünfzig verschiedenen Gemüsen kombiniert mit einer Auswahl aus zwanzig verschieden Nüssen und Saaten, ergänzt mit einigen von fünfzig Früchten. Dann treffe ich noch eine Auswahl aus siebzig Gewürzen. Et voilà.

Anne: Das muss ich mir merken, ich denke, das überzeugt! Ihr Meinung zu Vitamin B12: Sofort nach der Umstellung auf vegan mit dem Substituieren beginnen oder erst, wenn der Arzt sagt, die Werte sinken?

Vitamin B12-Zahngel ist eine wirksame Möglichkeit der Substitution

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Willkommen in der Praxis

Martin: Man hat schon etwas Zeit, sich zu überlegen, wie man Vitamin B12 ergänzen möchte. Ich würde nicht auf ein Sinken der Werte warten, sondern früh mit einer Ergänzung beginnen.

Anne: Gibt es ein Präparat, das sie besonders empfehlen können?

Martin: Eine wissenschaftlich erwiesen wirksame Möglichkeit ist die Verwendung von Vitamin B12-Zahngel. Mir schmeckt es nicht, deshalb verwende ich B12-Zahngel und meine gute alte Parodontax auf der Zahnbürste halb und halb oder im Wechsel. Einmal jährlich sollte man Vitamin B12 mit dem Laborwert Holotranscobalamin kontrollieren lassen.

Die Firma Sante produziert es mit und ohne Fluorid. Die Wirksamkeit konnte in einer Studie 2015 nachgewiesen werden. Ich verwende die fluoridfreie Variante. Meiner Auffassung nach schadet Fluor mehr als es nützt.

Anne: Kann es unter bestimmten Umständen sein, dass man gar kein Vitamin B12 einnehmen muss?

Martin: Das wird die Forschung der Zukunft zeigen. Dass vegane Tiere wie Pferde und Gorillas beispielsweise Vitamin B12 von Bakterien aus der obersten Erdschicht beziehen klingt plausibel. Die größte Übereinstimmung zeigen unser Gebiß und Verdauungstrakt allerdings mit rein frutarisch lebenden Primaten, also rein fruchtessenden Affen.

Ihre B12-Quelle ist uns noch verborgen, vielleicht die Bakterienflora von Mundhöhle und Darm. Aber das ist bisher noch reine Spekulation. Ein Vitamin B12-Mangel kann irreparable Nervenschäden verursachen, also besser rechtzeitig und ausreichend zuführen. Eine besondere Gefahr besteht für das Nervensystem von Kindern und Jugendlichen. Eltern sollte das sehr ernst nehmen.

Anne: Veganer lehnen Tierversuche ab. Medikamente werden derzeit jedoch noch an Tieren getestet, das ist im Gesetz verankert. Auch, wenn sich die Ergebnisse nicht vom Tier auf den Menschen übertragen lassen. Als Mediziner müssen sie natürlich Medikamente verschreiben. Wie sehen sie das? Jeder hat ja seine Grenze, den Veganismus betreffend. Ich z. B. habe mir die ganz strikt gesteckt: Meine alten Lederstiefel werde ich tragen, bis sie mir von den Füßen fallen. Wenn der Arzt mir etwas verschreibt, dann versuche ich ein Präparat zu bekommen, welches frei von Laktose und Gelatine ist. Was die Tierversuche angeht, kann ich da natürlich nicht wählen, was bei Kosmetikprodukten ja inzwischen problemlos möglich ist, daher kaufe ich auch nur noch vegane, TV-freie Produkte. Zurück zum Thema: Medikamente: Ist das ihre Grenze? Ist eine Änderung in Sicht? Wird es in naher Zukunft zu einer Abschaffung der sinnlosen Tierversuche kommen?

Martin: An eine Grenze stoße ich, wenn ein Patient mit einer Verordnung vom Fachkollegen oder aus dem Krankenhaus zurück kommt. Die kann ich dann nicht einfach mal umwerfen. Und wenn mich der Patient dann bittet, ein Folgerezept auszustellen, dann komme ich darum nicht herum.

Würde ich meinen Patienten dann aus Prinzip zu einem anderen Kollegen schicken, damit er sich das Rezept dort ausstellen lässt, hätte ich sein Vertrauen verloren. Aber nur wenn ich ihn dort abhole, wo er steht, kann ich ihn motivieren, die Ursachen seiner Krankheit zu finden und zu beheben, sodass er diese Medikamente idealerweise in der Zukunft gar nicht mehr braucht.

Ich verordne in meiner Praxis zu neunundneunzig Prozent homöopathische und pflanzliche Arzneimittel ohne Gelatine und Laktose, die ich kinesiologisch für jeden Patienten individuell austeste. Wenn ich denke, auf chemische Medikamente zurückgreifen zu müssen, wähle ich altbewährte Präparate, die keine neuen Tierversuche erfordern.

Die Forschung ist weiterhin bemüht, immer neue und wirksamere Substanzen zu entwickeln, um Krankheiten zu bekämpfen anstatt Zeit und Geld darin zu investieren, die Ursachen der Krankheiten zu erkennen, um präventive und prophylaktische Strategien zu entwickeln. Dahinter steht auch ein großer Wirtschaftszweig.

Ich sehe zur Zeit kein Ende der Tierversuche in der Pharmaforschung, auch wenn die berechtigte Kritik daran nicht verstummt. Mit meinen Wanderstiefeln halte ich es ebenso, die haben jetzt schon fünfundzwanzig Jahre auf der Sohle und sind einfach nicht klein zu kriegen.

Anne: Setzen sie sich gegen Tierversuche ein?

Martin: Aktiv nur durch mein Verordnungsverhalten.

Anne: Das ist doch auf jeden Fall schon mal eine ganze Menge. Kann man auch als Nichtmediziner etwas dagegen tun?

Martin: Man hat als mündiger Patient ein Recht auf Mitbestimmung in der Therapie, auch wenn vielen meiner Kollegen das gar nicht schmeckt. Meine Patienten sagen im Notdienst, beim Facharzt oder in der Kinderpraxis zu meist inzwischen deutlich, was sie nicht wollen. Und wenn sie sich mit einer Entscheidung überfordert fühlen, holen sie sich oft bei mir noch eine zweite Meinung ein, sofern die Situation es zulässt.

Anne: Gibt es Tierschutzorganisationen, die aus ihrer Sicht als Mediziner heraus empfehlen können?

PETA leistet weltweit effektive Arbeit

Martin: Die weltweit effektivste Arbeit leistet für mich PETA. Die können aber auch nicht immer und überall sein, deshalb finde ich jede noch so kleine regional aktive Organisation unterstützenswert.

Anne: Sie finden ein verletztes Tier, was tun sie?

Martin: Das ist mir erst einmal passiert vor fünfundzwanzig Jahren. Da habe ich einen verletzten Hund auf der Autobahn eingesammelt. Der hatte einen Stau verursacht, rannte mitten auf der A7 den Standstreifen entlang und stellte sich immer wieder auf die Fahrspur, um ein Auto zum Anhalten zu bringen, aber niemand hielt an. Ich habe ihn dann mitgenommen. Das hat mich eine Bisswunde am Arm und die Inneneinrichtung meines Busses gekostet. Aber es gab keine Alternative, der hatte einfach Todesangst.

Anne: Gibt es noch mehr Veganer in ihrer Praxis? Und in ihrer Familie?

Martin: Unter meinen Patienten befinden sich so um die zwanzig Veganer, darunter auch eine vegane Familie mit drei komplett veganen Schwangerschaften. Die ganze Familie erfreut sich bester Gesundheit. Meine Ehefrau Corina hat sich mir damals mit Begeisterung angeschlossen. Meine Töchter sind Vegetarierinnen seit sie elf sind. Jetzt sind sie neunzehn und steuern immer mehr eine vegane Lebensweise an.

Anne: Ich bin ganz versessen auf Fachliteratur. Können sie mir da etwas besonders empfehlen?

Die China-Study setzt immer noch den Maßstab

Martin: Fachliteratur zur veganen Ernährung gibt es fast nicht. Meist sind es nur Kapitel in größeren Werken, die dem Stand der Wissenschaft kaum gerecht werden. Die China-Study von Colin Campbell setzt immer noch den Maßstab, ist aber mühsam zu lesen, wenn man wissenschaftliche Literatur nicht gewöhnt ist.

Mit meinem Blog versuche ich hier eine Brücke zu schlagen, um aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse rund um die vegane Ernährung verständlich und spannend aufzubereiten. Gut verständlich bringt es auch Rüdiger Dahlke mit „Peacefood“ auf den Punkt. Und sehr bereichernd finde ich Vegan in Topform von Brendan Brazier. Ich mag auch seine Rezepte. Die sind so ebenso ungewohnt wie genial.

Anne: Was raten sie einem Patienten, dem von seinem Arzt von der veganen Ernährung abgeraten wird, weil das angeblich zu Mangelerscheinungen führt, obwohl der Patient hervorragende Blutwerte aufweist?

Martin: Ich rate ihm, den Arzt zu wechseln.

Anne: Verraten sie mir zum Abschluss noch ihr Motto?

Martin: Nichts für unmöglich halten führt zum Ziel.

Anne: Danke schön! Das war wirklich ein tolles Gespräch mit jeder Menge interessanten, aufschlussreichen Infos und tollen Momenten! Alles Gute für Ihre Praxis und den Blog!

Martin: Ich habe mich sehr gefreut über das breite Spekrum ihrer Fragen. Da konnte ich mich mal richtig austoben. Ich sage ebenfalls herzlichen Dank!

Wer jetzt Interesse bekommen hat, und gerne mal im Blog von Martin Kamma vorbeischauen möchte, klickt am besten einfach hier mal rein.

Interview: Anne Reis, cardamonchai.com, Fotos im Text: Martin Kamma privat

Kommentare

  1. Andrea Gatzki meint

    Hallo Herr Kamma, ich habe gehört, dass eine Frau (den Namen weiss ich gerade nicht) die Tests die auch für die China-Study gemacht wurden, zu anderen Ergebnissen führten. Selber bin ich schon einige Jahre zu 95% Veganerin und freue mich über jeden neuen Veganer auf diesem Planeten und über die vegane Welle, um dem schrecklichen Grauen an unseren Mitgeschöpfen, den Tieren (an denen die Menschen sich lieber erfreuen sollten und sie beschützen sollten) entgegen zu setzen. Leider führen die vielen Kontras auf der Erde zu Hilflosigkeit – was stimmt eigentlich noch? Wäre diese Massengrausamkeit nie entstanden, wäre gegen ein frisches Glas Milch von Mutter Kuh, weil sie gerade etwas übrig hat, ab und an (also nicht täglich) erhitzt mit Gewürzen und Honig z.B. garnichts ein zu wenden – vielleicht aber doch und das ist immer die Frage. Milch kann nährend sein, das habe ich in meinem Organismus gespürt. Einmal in ein oder zwei Monaten zapfe ich mir vom Demeterhof ein Liter Milch ab, unerhitzt. Manchmal esse ich ein gekochtes Ei und spüre dann vermehrte Energie in meinem Körper. Tiere essen würde ich niemals mehr tun wollen, ich esse ja auch keine Menschen. Ich hoffe für die Tiere, Umwelt, Erde und den Menschen, dass sich die vegane Ernährung irgenwann mal so durch setzt, dass die Fleischesser so in der Minderheit sind und als unbewusste und unwissende Menschen angesehen werden. Bin ich nun sehr (ver)urteilend? Im täglichen Leben akzeptiere ich meine Mitmenschen, ansonsten geht der Schuß nach hinten los. Jeder Mensch geht seinen geistigen Weg (bewusst o unbewusst) – zum erkennne und wachsen. Gottseidank dass Sie der Arzt meines Vertrauens sind. Grüße von Andrea Gatzki

  2. meint

    Ich finde, wenn man richtig gute Rezepte hat, ist der Umstieg von Fleischlicher Nahrung auf Vegan garnicht so schwer. Denn wenn wir mal ehrlich sind, zählt doch der Geschmack beim Essen und der ist bei veganem Essen genauso genauso gegeben. Nur das man sich mit der veganen Ernährung viel besser fühlt.

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