Antibiotika wirkungslos – bedeutet MCR-1 Das Ende des Antibiotika-Zeitalters?

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Wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) am 7. Januar offiziell bestätigt hat, sind auf den Menschen übertragbare und gegen die stärksten Antibiotika resistente Bakterien mit dem Gen MCR-1 in deutschen „Nutztieren” weit verbreitet. [1] Forscher sprachen im November schon von einem Epidemie-Potential und fürchten die Einläutung eines post-antibiotischen Zeitalters.

Zum Hintergrund und der Entdeckung im November 2015

Alexander Fleming

Alexander Fleming erhält den Nobel Preis von König Gustaf V von Schweden

Als ihm im Jahr 1945 der Nobelpreis verliehen wurde, hat Alexander Fleming vor den Gefahren der Resistenzbildung bei der Verwendung von Antibiotika gewarnt. [2] Seine Bedenken könnten aktueller nicht sein: Im vergangenen November haben chinesische Forscher einen äußerst besorgniserregenden Fund gemacht. In fünf Provinzen in Südchina sind sie bei Routineuntersuchungen von Schweinen und Hühnern auf auffallend resistente Formen des Darmbakteriums Escherichia coli (E. coli) gestoßen. Die Bakterien reagierten nicht einmal auf Colistin, ein hoch toxisches Antibiotikum, das zur Familie der Polymyxine gehört und bei Patienten nur dann Anwendung findet, wenn bereits alle anderen Antibiotika versagten. [3] [4] Diese Entdeckung wäre nicht weiter brisant und bedenklich, wenn die Bakterien nicht die bisherige Lehrmeinung zur Übertragbarkeit der Resistenz über Bord geworfen hätten. Denn die Wissenschaft ist davon ausgegangen, dass Colistinresistenz nur durch Mutationen in einzelnen Organismen entstehe und nicht zwischen Bakterien übertragbar sei. [5] Diese Auffassung ist jetzt hinfällig: Die untersuchten E. coli-Bakterien tragen das Gen MCR-1 nämlich in ihrem Plasmid, einer Art mobilen DNA, die sehr schnell kopiert und leicht auf andere Bakterien übergeben werden kann. [6]

Was bedeutet das?

Die gefundenen Resistenzgene können von harmlosen Bakterien auf Krankheitserreger übertragen werden, die dann mit Colistin nicht mehr in den Griff zu bekommen sind. Das ist aber noch nicht alles: Wie Andreas Peter vom Bundesinstitut für Risikobewertung bestätigt, können sich im schlimmsten Fall die Colistin-resistenten Gene auf multiresistente Bakterien übertragen – womit in der Folge ein gegen jedes derzeit bekannte Antibiotikum resistentes Bakterium entstehen würde. [7] Die Bakterien mit dem MCR-1-Gen übertragen sich fatalerweise nicht nur innerhalb eines Lebewesens. Auch wenn die Entstehung des Gens von den Autoren der Studie zwar auf den massiven Gebrauch von Colistin in der chinesischen Tierproduktion zurückgeführt wird, [8] bleiben die Bakterien nicht ausschließlich in den untersuchten Ställen: Sie können von betroffenen Lebewesen auch auf andere Tiere, Lebensmittel oder Menschen übergehen – zum Beispiel durch den Konsum des befallenen Fleisches. Eine Übertragung hat auch schon mehrfach stattgefunden, weswegen die Autoren von einem „Epidemie-Potential“ sprechen und ihren Fund als „extrem besorgniserregend“ bezeichnen. [9] Die Befürchtungen der Forscher sind dabei keineswegs übertrieben. Auch das Robert Koch Institut sprach im Dezember wegen der Übertragbarkeit auf den Menschen von einem „erheblichen Bedrohungspotential“ und nahm die Erforschung der Colistin-resistenten Bakterien an mehreren Standorten in Deutschland auf.

Die aktuelle Verbreitung

Was zu Beginn noch Spekulation war, ist mittlerweile offiziell: Wie verschiedene deutsch- und englischsprachige Medien berichteten, sind die resistenten Bakterien bereits in verschiedenen Ländern gefunden worden. [10] Am 5. Januar informierte ein Artikel über die Entdeckung des Gens in Kanada [11] und am 7. Januar bestätigte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), dass auch in deutschen „Nutztieren” das Gen mittlerweile weit verbreitet ist. [12] Dem BfR zufolge wurden die Colistin-resistenten Bakterien bei Mastgeflügel am häufigsten nachgewiesen. [13]

Was nun?

Die schnelle Verbreitung kann angesichts der leichten Übertragbarkeit des Gens und des globalen Exportes von Fleischprodukten nicht verwundern. Ob es tatsächlich zu einer Epidemie kommt und welche Folgen dies für Mensch und Tier haben würde, ist aktuell noch nicht abzusehen und verbleibt deshalb vorerst im Bereich des Spekulativen. Ärgerlich an der Sache ist vor allem, dass die Entstehung von Colistin-resistenten Bakterien ein altbekanntes Phänomen ist. Die Bundesregierung rief bereits 2008 die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie ins Leben, um die weitere Entwicklung und Ausbreitung der Resistenzen einzudämmen. [14] Ein angesichts der weltweit verbrauchten Mengen von Antibiotikum längst überfälliger Ansatz.

Im Jahr 2010 waren es nämlich 63.151 Tonnen an Antibiotika, die bei der Produktion von Schlachttieren verwendet wurden und sollte keine Kehrtwende eintreten, schätzen Forscher die Zahlen für 2030 auf über 100.000 Tonnen im Jahr. [15] An Verkaufszahlen gemessen, war dabei Colistin im Jahr 2010 sogar in der europäischen Veterinärmedizin das fünfthäufigst erworbene Antibiotikum. [16] Es ist daher wenig überraschend, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2011 davor warnte, dass das Zeitalter der Polymyxine (wie Colistin) bald enden könne. [17] Aufgrund der möglichen Kombination der Colistinresistenz mit Resistenzen gegenüber den übrigen Antibiotika, könnten die Befürchtungen der WHO zukünftig noch übertroffen werden. Schlimmstenfalls müssten wir dann nicht nur vom Ende des Zeitalters der Polymyxine sprechen, sondern vom Ende der bequemen Zeit, in der Antibiotika noch wirkten und tatsächlich Millionen Leben retten konnten. [18] Bei allem Ärger und aller Sorge um Übertragungsmöglichkeiten, sollte man dabei eines nicht vergessen: Den Grund für die Entstehung des Gens. Dieser liegt in dem täglich unfassbar hohen Fleischkonsum in Industriestaaten, der neben dem für eine große Mehrheit nebensächlichen Leid auf Seiten der Tierwelt, den enormen Gebrauch von diversen Antibiotika absolut notwendig macht. Vielleicht wird man sich bald den Worten Flemings erinnern und klagen, „hätte man doch nur…“. Hätte… Hätte… Hätte…

Gastredakteur: Timo Walther

Quellen:

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