Milchpreisdebatte – eine öffentliche Auseinandersetzung fernab jeder Realität

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Milchpreisdebatte
Der Milchpreis ist dramatisch gesunken. Und alle beginnen das große Jammern: Die Milchbauern, besonders die kleinen, werden dadurch ruiniert. Ist ja auch klar, sie werden die Milch nicht mehr zu einem profitablen Preis los. Also: Hofsterben, Arbeitslosigkeit, furchtbar furchtbar. Und die Öffentlichkeit (zum Beispiel Jakob Augstein bei Spiegel Online) kennt natürlich den Schuldigen: Den Konsumenten.

Der böse Konsument ist schuld?!

Was ist der Konsument auch so gierig, dass er immer nur zur billigsten Milch greift? Überall wird aufgerufen, „solidarisch“ zu sein und mehr für die Milch zu bezahlen. Und kommt es nur mir so vor, oder wird in letzter Zeit mehr für Milch und Milchprodukte geworben?

Milchbauern haben sich verzockt

Es macht natürlich Sinn: Der Preis regelt sich über Angebot und Nachfrage. Und ist der Preis zu niedrig, muss die Nachfrage steigen, damit das Angebot gehalten werden kann. Doch wir haben früher doch auch schon mehr dafür bezahlt und das hat auch keinen Bauern gerettet. Nein, die Milchbauern haben sich eben verzockt. Wir produzieren 49% der Milch hierzulande für den Export! In Erwartung höherer Exporte nach Russland und nach China hat man eben nachgerüstet und investiert und mehr Milch produziert – doch dann kam es aus verschiedensten Gründen eben anders und die Bauern blieben auf der Milch sitzen. Und jetzt sollen wir den Bauern da wieder raushelfen? Selbst wenn Milch das allerallerbeste Produkt der Welt wäre, den Hunger in der Welt beenden, das Klima retten würde und lebensnotwendig wäre (wobei ironischerweise das Gegenteil der Fall ist, dazu komme ich später noch) – an den Gewinnen hätten uns die Bauern schließlich auch nicht beteiligt.

Aber – und jetzt will ich mal hier mit einem Dogma brechen – was wäre, wenn wir einmal anfangen würden, weniger Milch zu produzieren? Nein! Doch! Ooh!

Ungeheuerlich! Was ist mit den armen Milchbauern? Da sieht man mal wieder, wie empathielos diese Veganer sind. Denken nicht an die Opfer ihrer Forderungen. *hust*

Ein Fakt in der Milchpreisdebatte: Milch ist eines der miesesten Produkte

Ne, jetzt mal ernsthaft: Milch ist eines der miesesten Produkte, von denen wir viel zu viel produzieren. Ja, die Liste mit dämlichen Dingen, von denen wir zu viel machen, ist lang: Reality-TV-Shows, gegenderte Produkte, für die AfD angekreuzte Stimmzettel, aber ganz oben stehen Tierprodukte und Milch.

Zuerst zur Gesundheit: Selbst die DGE sagt, dass wir viel zu viele Milchprodukte konsumieren als wir sollten. Unsere Bevölkerung hat NICHT das Problem, dass wir zu wenig Milchprodukte konsumieren. Selbst konservativste Ernährungsempfehlungen würden den Konsum gerne halbieren und in anderen Kreisen diskutiert man über eine noch drastischere Senkung aus Gesundheitsgründen. Und da hält man es für eine gute Idee, die Leute zu motivieren, noch MEHR Milch zu kaufen? (CheeseDoubleCheeseburger mit extra Käse und ein Milchshake dazu)

Massentierhaltung trägt am stärksten zur Treibhausgasemission bei

Aber das ist ja noch nicht alles. Es sollte eigentlich längst keine Neuigkeit mehr sein, aber Massentierhaltung trägt am stärksten zur Treibhausgasemission bei, noch stärker als der gesamte weltweite Verkehr. Und Massentierhaltung  hat negative Auswirkungen auf die Umwelt und auf den Welthunger, weil wir für das ganze Tierfutter 2/3 aller landwirtschaftlich nutzbaren Flächen und allen Süßwassers verballern und den Regenwald abholzen (Ich wiederhole mich da ja gern immer wieder).

Also ganz sicher, dass wir da nicht eine stärkere Stellschraube haben als ab und zu mal mit dem Fahrrad zu fahren oder an Weihnachten 5€ an hungernde Kinder zu spenden?

Bauern kassieren seit Jahren ab

Außerdem helfen wir den Bauern doch schon die ganze Zeit. Und zwar gewaltig. Wie ich hier auf Vegan News schon einmal ausführlich recherchiert habe bestehen im Schnitt 40% der Einkommen der Bauern sowieso aus Subventionen und Boni (wobei diese natürlich nicht ausschließlich dafür welche erhalten, Milch zu produzieren natürlich).

Planwirtschaft zu Gunsten der Milchindustrie

Naja, mein Punkt ist: Die neoliberale Wirtschaftspolitik, die in z. B. so fundamental wichtigen Dingen wie unserem Gesundheits- und Pflegesystem furchtbare Reformen durchführt, die zu Privatisierungen, Unterbezahlung und Überforderung des Pflegepersonals führt betreibt an den genau falschen Stellen regelrechte Planwirtschaft. Die Tierproduzentenlobbys sorgen dafür, dass die Bauern viel zu viel Milch produzieren, u. a. dafür ordentlich Steuergelder bekommen, damit wir von der einen Hälfte bedenklich viel davon zu konsumieren und die andere Hälfte dann exportieren (und im Ausland über Freihandelsabkommen die Wirtschaft in Afrika kaputt zu machen), dabei enorm viele Treibhausgase produzieren, damit die Gewinne privatisiert werden und dann frecherweise das Risiko sozialisiert wird. Und an diesem Punkt angekommen habe ich immer noch kein Wort über die Milliarden Kühe verloren, die jährlich dabei ausgebeutet und getötet werden, die Kälber, die ihren Müttern entrissen werden, damit sie nicht die für sie gedachte Milch trinken, sondern Ersatzmilch auf Sojabasis (haha, die Ironie) und wir hingegen artfremdes Drüsensekret eines Wiederkäuers bis ins Erwachsenenalter trinken können, weil einige von uns (nur 30% der Weltbevölkerung) Laktose verdauen können.

Milchpreisdebatte ist emotionalisiert und faktisch fehlgeleitet

Ich glaube, das Problem ist nicht, dass die Menschen sich zu schade sind, genug für die Milch zu bezahlen. Ich glaube, wir alle, alle Tiere und der ganze Planet zahlen dafür schon genug. Nein, wir sind uns zu schade, in dieser Diskussion auch nur ein bisschen über den Tellerrand (oder das Milchglas) zu schauen. Die Milchpreisdiskussion in den Medien ist so fernab von allen Problemen und tatsächlichen Ursachen wie kaum eine andere öffentliche Debatte. Und das finde ich erschreckend. Aber wenn ich mal zu meiner Sojamilch oder Hafermilch greife, schütteln die Leute den Kopf. Und weinen, dass Milchbauern pleite gehen. Vielleicht sollte der Milchbauer mal auf Hafermilchbauer umschulen? Also mein Gegenaufruf: Kauft weniger Kuhmilch! Und greift doch mal zu einem der unzähligen Pflanzendrinks, da ist bestimmt was dabei, dass ihr euch in den Kaffee tun könnt.

Bildnachweis: pixabay

Kommentare

  1. Michael meint

    Zunächst: Ich sehe das mit den Milchbauern genauso, schließlich bin ich auch aus dem Grund Veganer, weil ich das Zeug widerlich finde, ebenso seine Herstellung.

    Nur ein paar kleine Hinweise: Nichts macht Sinn. Etwas kann nur Sinn haben.

    Und: Warum ist es eigentlich so populär, in welchem Zusammenhang auch immer die AfD anzugreifen? Ist das nicht ein bisschen weit hergeholt? Ich bin kein AfD-Wähler, aber das geht mir langsam aber sehr sehr sicher auf den Geist.

    Danke.

  2. meint

    on top kommt das die Subventionen und die damit starken Exporte hier zu lande, die WIrtschaft in Entwicklungsländern vertrebit bist zerstört.
    Da nutze ich meine tägliche Stimme für die pflanzliche Version und gegen die Milchindustrie. Und das ganze ohne Verzicht, Schmerz oder sonstige Hindernisse. Einfach machen!

  3. meint

    Lieber Thomas,

    ich verstehe, dass Du Dich aufregst und kann Deine Wut auch nachempfinden und dennoch denke ich, dass ein Schwarz-Weiß-Denken im Hinblick auf „die Bauern sind selber Schuld“ zu kurz gegriffen ist.

    Die Milchwirtschaft hat sich über die vergangenen 130 Jahre zu diesem Spektakel entwickelt, das wir heute erleben.

    Und es war immer eine vom Staat geförderte Wirtschaft. Mal mehr, mal weniger, mal auf dem einen, mal auf dem anderen Weg.

    Die aktuelle Situation nur aus der jüngeren Gegenwart heraus zu betrachten, kann meiner Meinung nach leicht zu Fehlschlüssen führen.

    Die Milchbauern, die den Versprechungen des Staats gefolgt sind und sich den Molkereien angeschlossen haben, mussten immer weiter wachsen, um ihren Betrieb wirtschaftlich zu halten. Sie haben riesige Summen investiert, aber nur, weil ihnen der Staat versprochen hat, dass ihr Geschäft eine Zukunft hat.

    Wer sich Ende der 1980er Jahre für die Milchwirtschaft entschieden hat, musste entweder immer weiter investieren oder Konkurs anmelden.

    Letzten Endes sind es nicht die Bauern, die den großen Reibach mit der Milch machen, sondern die Molkereien und die Unternehmen, die dahinter stehen.

    Ich möchte die Bauern nicht in Schutz nehmen, würde mir aber ein wenig mehr Graustufen in der Debatte wünschen.

    Viele Grüße
    Stefanie

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