Multiple Sklerose & Marathon? Mit Leidenschaft & veganer Ernährung hat Angela es geschafft!

Print Friendly

Multiple Sklerose Marathon mit veganer Ernährung möglich

Schon vor ein paar Monaten hat mich Angela inspiriert. Zu der Zeit war ich noch für den Online-Shop Veganic als Videobloggerin tätig. Angela postete vegane Gemüsespaghetti, die ich direkt im Video verarbeiten musste. Lange Rede, kurzer Sinn: Angela habe ich in einer veganen Multiple-Sklerose-Facebook-Gruppe kennengelernt. Für mich stellte sich heraus, dass wir auf einigen Kanälen ziemlich „gleich ticken“ und somit verfolgte ich ihre vegane und sportliche Entwicklung der letzten Monate bis hin zu Ihrem kürzlich absolvierten Marathon mit großer Freude und noch größerer Bewunderung. Umso mehr freue ich mich, dass sich Angela ein paar Minuten Zeit genommen hat und uns dieses Interview gibt.

Multiple Sklerose, Marathon, Leidenschaft und die vegane Ernährung – Angela Brauer im Interview

Sabine: Angela, du bist am vergangenen Sonntag den Hamburg Marathon gelaufen. Wie geht es dir heute, nach fünf Tagen Ruhepause?

Angela: Gut! Ich hatte zunächst den Muskelkater meines Lebens, konnte Treppen nur seitwärts und mit festhalten runtergehen, aber das verging erstaunlich schnell. Gestern, an Tag 4 nach dem Marathon bin ich schon wieder eine kleine Runde gelaufen und es fühlte sich an, als sei nichts gewesen.

Sabine: Ich würde gerne mit meinem Interview „weiter vorne“ anfangen. Du hast Multiple Sklerose. Wann wurde diese Krankheit bei dir diagnostiziert? Wie ging es dir zu der Zeit und welche Einschränkungen hattest du?

Angela: Diagnostiziert wurde die MS im April 2007, wobei sich im Nachblick herausstellte, dass ich bereits 2001 den ersten Schub hatte. Während meines Diagnoseschubes, hatte ich eine Querschnittstaubheit ab dem unteren Rippenbogen, also beidseitig kein Gefühl mehr vom Rippenbogen abwärts. Geichzeitig stolperte ich ständig, die Beine zitterten unkontrollierbar und/oder verkrampften schmerzhaft, aber das größte Problem war die alles überlagernde Müdigkeit von der ich heute weiß, dass sie Fatigue genannt wird und ein MS Symptom ist.

Sabine: Wie und warum bist du zur veganen Ernährung gekommen? Wie hat sich dein Leben durch das „vegan sein“ verändert? Wie geht es dir heute?

Angela: Das war eigentlich eine Entwicklung, die noch immer nicht abgeschlossen ist. Initiator war eigentlich seinerzeit meine jüngste Tochter. Sie war ungefähr 8, als ich ihr bewusst wurde, dass für ihre Wurst Tiere getötet werden. Das wollte sie nicht mehr und entschied sich Vegetarierin zu werden, worin ich sie unterstützte. Fortan beschäftigte ich mich mit vegetarischer Ernährung, lernte ständig dazu, aß auch fast vollständig vegetarisch mit, schaffte aber den vollständigen Absprung von tierischen Produkten zunächst noch nicht, die Gewohnheiten waren noch zu fest verankert.

Erst vor 2 Jahren, sah ich ein Video über Geflügelhaltung, welches mir nachhaltig den Appetit verdorben hat. Fortan aß ich keine Tiere mehr und setzte mich noch intensiver mit dem Thema „Nutztierhaltung“, aber auch den Zusammenhang zwischen tierischen Lebensmitteln und verschiedenen Erkrankungen auseinander. Der Übergang von vegetarisch auf vegan passierte dann fließend, irgendwann war die Lust auf alles tierische endgültig erledigt – zumal ich mittlerweile durch meine Recherchen genug reizvolle und leckere Alternativen kennengelernt hatte.

Mein Leben hat sich durch die schleichende Umstellung sehr zum positiven verändert. Klar, es ist etwas umständlicher, man kann nicht mehr überall und an jeder Ecke etwas zu essen kaufen, frisch kochen dauert länger als mal eben ein Fertiggericht aufzuwärmen oder ’nen Döner an der Ecke zu holen.

Essen hat aber im Laufe der letzten Jahre eine höhere Wertigkeit für mich bekommen. Während es mir früher nahezu egal war was ich esse und wie es produziert wird – Hauptsache es schmeckt und macht satt – so bin ich heute recht kritisch geworden was meine Nahrungsmittelauswahl betrifft. Nahrung soll mich nähren, mir also die Energie geben, die ich für ein aktives Leben brauche, statt mich mit Giftstoffen zu belasten, die meinen Körper stressen und krank machen. Das ist natürlich auf der anderen Seite zeitaufwändig, aber dadurch habe ich einen unglaublich großen Gewinn Lebensqualität und das ist es mir definitiv wert.

Heute geht es mir sehr gut. Die MS lässt mich nahezu in Ruhe, ich habe Energien gewonnen, die ich kaum noch kannte. Nicht nur, dass ich einen Marathon gelaufen bin, manch anderer Läufer wundert sich über den fast unerklärlichen Leistungszuwachs den ich erlebe, seit ich komplett auf vollwertig, vegane Ernährung umgestellt habe.

Bilder von Angelas Marathon in Hamburg

Sabine: Hast du dich vor dem Marathon „besonders“ ernährt?

Angela: Da ich grundsätzlich auf eine gewisse Vollwertigkeit in der Ernährung, also auf die Versorgung mit allen notwendigen Nährstoffen achte, brauchte ich in der Marathonvorbereitung nichts großartiges an meinen Ernährungsgewohnheiten ändern. Vielleicht war ich noch ein bisschen konsequenter als sonst was die Vermeidung von Fertigprodukten und/oder Zucker angeht, aber stressen wollte ich mich damit auch nicht und ab und zu mal eine kleine Sünde muss auch im Training mal sein :-)

Ergänzend zu dem normalen Speiseplan gab es aber nach einem harten Training einen Smoothie aus Obst, Pflanzenmilch und Proteinpulver aus Hanf- und Süßlupinenmehl um die Speicher aufzufüllen und die Regeneration zu beschleunigen. Oft habe ich mir dann aus dem Rest des Smoothies noch einen Chia-Pudding gemacht, den ich abends statt Chips oder Schokolade genossen habe, einfach weil es lecker ist, aber auch so ein bisschen als Booster und sei es nur für den Kopf.

In der Woche direkt vor dem Marathon habe ich dann verstärkt auf 3x tägliche Kohlenhydratzufuhr aus Vollkornprodukten geachtet um meine Speicher maximal zu füllen.

Aus dem Rollstuhl zur Marathon-Läuferin

Sabine: Wie bist du zum Laufen gekommen? Wie hast du dein Training begonnen?

Angela: Nach einem zunächst heftigen Multiple-Sklerose-Verlauf wurde es 2010, aufgrund persönlicher Veränderungen in meinem Leben (Entstressung!) ruhiger. Ich fing an mehr auf mich zu achten, machte meine Krankengymnastik auch tatsächlich mal täglich zu Hause und krabbelte aus dem Rollstuhl raus. Ende 2010 ging ich in ein Fitnessstudio. Eigentlich wollte ich dort nur insgesamt an meiner Körperspannung arbeiten, meinen Beinen hatte ich immer noch nicht viel zugetraut. Der Trainer überredete mich dann aber doch, nach dem Krafttraining ein bisschen auf dem Laufband zu walken und damit nahm das Unheil eigentlich seinen Lauf. Das walken machte mir unglaublich viel Spaß, ich fing an meinem Körper und meinen Beinen etwas zuzutrauen, spielte mit dem Laufband rum, baute Steigungen ein und irgendwann dann auch mal kurze Laufeinheiten, die immer mehr wurden. Im Sommer 2011 ging ich dann regelmässig, 3x die Woche, zunächst mit einem Einsteigertrainigsplan draussen laufen und habe bis heute nicht mehr damit aufgehört.

Sabine: Nach welcher Zeit hast du positive Veränderungen an dir bemerkt?

Angela: Das ging sehr schnell. Eigentlich sofort. Laufen setzt ganz viel Glücksgefühle frei und der Rest passiert dann von selbst.

Sabine: Wie oft gehst du generell laufen? Und wie oft läufst du vor einem Marathon?

Angela: Generell 3-4 mal die Woche, auch im Marathontraining, mit wechselnden Distanzen und Beanspruchungen. Mal laufe ich sehr langsam und dafür länger, dann wieder kürzer und dafür schneller oder auch mal Intervalle auf dem Sportplatz.

Sabine: Wie sehen deine Ruhephasen aus?

Angela: Zwischen zwei Laufeinheiten sollte ein Ruhetag liegen, wobei hier auch ein Alternativtrainig stattfinden kann. Und Ruhe heisst auch nicht Ruhe im Sinne von Füße hoch. Mein aktiver Junghund muss täglich bewegt werden, also heisst Ruhe bei mir dann, dass ich zwar nicht laufe, aber wenigstens 2-3 Stunden täglich stramm spazieren gehe.

Sabine: Machst du auch zusätzliches Training für Kraft, Ausdauer und Koordination außer Laufen (z. B. Krafttraining)?

Angela: Ja. Krafttraining muss sein um die Verletzungsgefahr beim Laufen klein zu halten. (Tipp: Hier findest Du gute Übungen.) Nur mit einer gestärkten Haltemuskulatur kann man (ich) sauber laufen. In der Regel mache ich 1-2x die Woche Krafttraining und im Marathontraining zusätzlich noch 1x die Woche einen alternativen Ausdauersport wie Schwimmen oder Radfahren.

Sabine: Würdest du einem an MS erkrankten Menschen raten, Sport zu treiben?

Angela: Definitv JA. Jeder wie er kann, aber das was man kann sollte man tun um die körperliche Fitness zu erhalten bzw. auch zu verbessern. Und es geht ja auch nicht nur ums körperliche. Oft kommt MS mit Depressionen daher, mit denen ich auch lange zu kämpfen hatte. Seit ich regelmäßig laufe brauche ich kein Antidepressivum mehr ohne das früher gar nichts ging.

Sabine: Hälst du eine ausgewogene, vollwertige, vegane Ernährung für eine gute Ernährungsform eines Sportlers bzw. Marathon-Läufers?

Angela: Ja natürlich. Wer regelmäßig Sport betreibt und dabei Erfolg haben möchte, braucht hochwertigen Treibstoff ohne schädliche, bremsende Zusatzstoffe. Die vollwertig-vegane Kost bietet uns genau das was wir brauchen.

Sabine: Hast du abschließend noch Tipps (das können auch Buch-Tipps oder Links zu Websites/Blogs sein) für unsere Leser_Innen, die sich für die vegane Ernährung interessieren und/oder ihr Sportpensum steigern wollen?

Angela: Meine Lieblingswebseite zum Thema Laufsport und vegane Ernährung ist www.bevegt.de. Da findet man eigentlich erstmal alles was man zu den beiden Themen wissen muss.

Kommentare

  1. meint

    Liebe Angela,
    herzlichen Glückwunsch zu deinem Marathonfinish – eine tolle Leistung!
    Du bist ein tolles Vorbild für andere und es freut mich sehr, dass dir der Sport hilft – ich würde mir wünschen, dass es noch mehr Leute dir nachmachen!
    Und es freut uns sehr, dass du unseren Blog gerne liest :-)
    Wir waren auch in Hamburg und sind letztes Wochenende dort gelaufen!
    Alles Gute für dich & viele Grüße
    Katrin

  2. Angela meint

    Hallo Katrin,

    vielen Dank für Deine lieben Worte!

    Und natürlich vielen Dank für Euren Blog. Ich habe schon viel Zeit bei euch verbracht und empfehle euch tatsächlich immer wieder gerne weiter.

    Ich hoffe ihr hattet ähnlich viel Spaß (und natürlich auch Erfolg) in Hamburg wie ich!

    Ganz herzliche Grüße
    Angela

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *