NetAP – Network for Animal Protection

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Netap

Die Tierschutzorganisation NetAP arbeitet in vielen Ländern dieser Welt. Das Besondere an NetAP ist sicher in erster Linie, dass kein Unterschied gemacht wird zwischen den Tierarten. Ob Katze, Huhn, Fisch, Esel, Kuh oder Hund – die Tierschützer von NetAP sind da, wo die Not gross ist und ihre Hilfe die Lebenssituation der betroffenen Tiere nachhaltig verbessert. Und damit kommen wir zur zweiten Besonderheit von NetAP: Sämtliche Mitwirkende bei NetAP arbeiten ehrenamtlich, so dass keine Lohnkosten anfallen. Die Büro- und Lagerräume sowie andere Aufwände, die nicht direkt mit den Tieren zu tun haben, werden vollständig vom Vorstand oder von Sponsoren finanziert. Spenden werden somit ausschliesslich für die Tierschutzaktivitäten eingesetzt. Schwerpunktmässig setzt sich NetAP für sogenannte Nutztiere und Strassentiere ein. Bei den Nutztieren geht es um Haltungsverbesserungen und das Thema Tiertransporte. Bei den Strassentieren führt die Organisation umfangreiche Kastrationsprojekte und Projekte zur Verbesserungen von Tierheimen durch.

Esther Geisser, Gründerin und Präsidentin von NetAP, nimmt sich heute Zeit für ein Interview.

Sabine: Hallo Esther! Vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein Interview nimmst. Du hast Jura/Rechtswissenschaft studiert. Bin ich da richtig informiert? Inwieweit unterstützt du NetAP mit genau diesem, durch das Studium angeeigneten, Wissen, und in wieweit geht deine Arbeit darüber hinaus? Erkläre mir bitte deinen Aufgabenbereich bei NetAP.

Esther: Hallo Sabine! Ich freu mich sehr über euer Interesse! Ja, ich habe Jura studiert, weil ich der Meinung war, dass die Rechtswissenschaft und die Veterinärmedizin am meisten zur Verbesserung der Lebenssituation von Tieren beitragen können. Da ich neben dem Studium arbeiten musste, um meine Tiere und mich zu versorgen, war Jura naheliegender. Heute bin ich froh, über genügend Rechtswissen zu verfügen, um eben nicht nur an der Front, sondern auch auf rechtlicher und politischer Ebene für die Tiere einstehen zu können. Ich bin einerseits sowohl in der Schweiz, als auch im Ausland häufig im Einsatz, führe daneben aber auch viele Gespräche und Verhandlungen mit Behörden und Politikern, halte Referate, kläre auf, recherchiere und berate schliesslich auch andere Tierschutzorganisationen oder Tierschützer in Bezug auf die professionelle Durchführung von Tierschutz-Einsätzen. Auch Pressearbeit, Administration und viele weitere Tätigkeiten gehören zu meinem Aufgabengebiet.

Sabine: Welche Arbeiten/Einsätze stehen aktuell an?

Esther: Vor allem Kastrationseinsätze in der Schweiz und in Europa werden laufend organisiert und durchgeführt. Wir kastrieren etwa 12.000 Hunde und Katzen pro Jahr. Fast jeden Tag ist irgendwo ein Team im Einsatz. Bestehende Projekte müssen begleitet und ausgebaut werden, z .B. unsere Projekte für Kühe in Indien oder für die Arbeitsesel in Tansania. Gerade erarbeiten wir ein neues Projekt zum Schutz von Katzen in Indien. Diese werden dort häufig gefangen und geschlachtet und in billigen Restaurants unter anderes Fleisch gemischt. Die Tötungsmethoden sind bestialisch. Die Katze gilt in Indien gar als schlechtes Omen und wird im Gegensatz zu vielen anderen Tieren nicht mal durch die Religion geschützt. Aufklärung ist deshalb bitter nötig.

Sabine: Wo hat NetAP seine Schwerpunkte?

Esther: Beim Thema Straßentiere setzen wir in erster Linie auf Kastrationen. Denn Kastrationen verhindern Leid, bevor es entsteht. Wir bemerken sehr deutlich in zahlreichen Einsatzgebieten, dass sich durch unsere Kastrationen die Situation der Hunde und Katzen über die Jahre verbessert hat. Die Populationen sind stabil oder gar rückläufig, die Tiere sind gesünder, es gibt weniger Zwischenfälle zwischen Mensch und Tier. Tierschutz für sogenannte Nutztiere ist leider noch schwieriger. Die Nutzung vieler Tiere ist seit jeher gesetzlich erlaubt. Deshalb können wir oft nur darauf einwirken, dass wenigstens die bestehenden Tierschutzgesetze eingehalten und die Lebensbedingungen für die Tiere erträglicher werden. Letzteres erfolgt zum Beispiel durch die Umstellung von Landwirtschaftsbetrieben mit Kühen von der Anbindehaltung auf die Weidehaltung. Und ersteres wird erzielt durch Kontrolle von Haltung, Schlachtmärkten und Tiertransporten sowie Anzeigen bei Gesetzesverstössen. Aufklärung über die Situation der Tiere gehört ebenfalls ständig dazu. Wir hoffen, dass sich immer mehr Leute bewusst werden, dass eine Nutzung von Tieren eigentlich immer mit Leid verbunden ist, egal in welchem Bereich. Der Konsument ist aber oft die Ursache und er hätte selber viele Möglichkeiten, das Elend der Tiere zu reduzieren oder gar zu beenden. Da, wo wir eine Chance sehen, versuchen wir natürlich auch, Einfluss auf die Gesetzgebung zu nehmen.

Sabine: In welchen Ländern seid ihr vorrangig aktiv?

Esther: In der Schweiz, in verschiedenen Ländern Europas sowie in Indien, Thailand und Tansania.

Sabine: Wie bewegt ihr euch dort fort? Habt ihr Busse, mit denen ihr unterwegs seid und in denen ihr die Tiere z.B. verarzten/operieren könnt?

Esther: Das ist von Land zu Land verschieden. Wir behandeln und operieren in Praxisräumen aber je nach Bedarf und Verfügbarkeit auch in Küchen, Ställen, Kellern oder unter freiem Himmel. Solange wir Strom, Wasser und Licht haben, sauber arbeiten können und wir operierte Tiere ruhig, sicher und gewärmt aufwachen lassen können, spielt es keine grosse Rolle, wo wir arbeiten müssen. Wir machen ja auch Katastrophenhilfe, und da sind die „Feldbedingungen“ oft sehr herausfordernd. Trotzdem arbeiten wir immer hochprofessionell und achten auf höchst mögliche Hygiene und Schmerzfreiheit. Unsere Tierärzte arbeiten mit minimal invasiven Operationsmethoden und behandeln jedes Tier, als ob es das Tier des wichtigsten Kunden oder gar das eigene ist.

Sabine: Wie gehen die einheimischen Menschen vor Ort mit euch um? Nutzt ihr Übersetzer?

Esther: Vernetzung ist das A und O im Tierschutz und bei uns Programm (deshalb das „network“ in unserem Namen). Wir arbeiten grundsätzlich immer mit lokalen Partnern zusammen, weil diese die Sprache, die Menschen, ihre Kultur und Umgangsformen kennen und sie auch die notwendigen Kontakte haben. Da ist immer auch jemand dabei, der Englisch spricht. Wir beziehen wo immer möglich Behörden, Polizei, lokale Tierschutzorganisationen und Tierschützer in unsere Arbeit mit ein. Nur so können wir gewährleisten, dass unser Tierschutz auch langfristig und nachhaltig die Situation der Tiere verbessert und ein Projekt irgendwann auch ohne uns weitergeführt werden kann.

Impressionen aus dem Arbeitsalltag von NetAP

Sabine: Es heißt: „Die Mitarbeiter von NetAP machen keinen Unterschied zwischen den ‚Tierarten‘.“ Lebt ihr daher alle vegan? Seit wann lebst du vegan und wie kam es dazu? Gab es ein bestimmtes Schlüsselerlebnis?

Esther: Dieses Zitat ist uns sehr wichtig. Wir sind immer wieder mit Fällen konfrontiert, bei denen Tiere leiden, die nicht zu unseren Schwerpunkten gehören. Gerade haben wir einen Schwan gerettet und vor kurzem einen Haiwels. Wir denken dann nicht, dass wir dafür nicht zuständig sind, sondern helfen jedem Tier in Not, egal ob es Flossen, Schuppen, Federn oder Fell hat. Der engere Kreis bei NetAP lebt mindestens vegetarisch mit einer Tendenz zu veganer Ernährung, einige leben ganz vegan. Das ist nur konsequent, denn es geht nicht, dass man dem einen Tier hilft und das andere isst. Bei den Einsatzteams ist es unterschiedlich, einige Einsatz-Tierärzte essen privat Fleisch. Aber da wir während der Einsätze vegan kochen, können wir jeweils viele überzeugen, dass man durchaus auch ohne tierische Produkte sehr gut leben kann. Einige sind so nach einem Einsatz zum Vegetarier geworden. Gerade eben hat mir ein weiterer Tierarzt verraten, dass er jetzt vegan leben möchte. Uns ist wichtig, dass wir vorleben und nicht vorschreiben. Wir haben dadurch mehr Überzeugungskraft.

Ich selber habe im Alter von fünf Jahren aufgehört, Fleisch zu essen. Ich habe damals realisiert, dass ein Tier sterben muss, damit wir sein Fleisch essen können. Das fand ich überaus abstoßend. Wir beenden ein ganzes Leben für ein paar Bissen, die in wenigen Minuten gegessen sind, obwohl wir ja auch etwas anderes essen könnten. In meiner Familie kam damals noch jeden Tag Fleisch auf den Tisch. Man tolerierte zwar meine Weigerung, Fleisch zu essen, war aber nicht bereit, etwas anderes zu kochen, wohl in der Meinung, dass das nur eine vorübergehende Phase ist. Ich blieb aber konsequent – andere nannten das stur – und so wuchs ich recht einseitig mit „Beilagen“ auf. Ich hatte dennoch nie Mangelerscheinungen, und mit dieser „Feldstudie“ an mir selber kann ich jedem beweisen, dass man durchaus ohne Fleisch aufwachsen kann. Ganz einfach war es damals nicht für mich, Vegetarismus war noch ziemlich unbekannt. Aber jede dumme Bemerkung und jede Anfeindung bestärkten mich nur noch mehr. Je älter ich wurde, desto mehr lernte ich über Tiere und Tierschutz. Und so verbannte ich laufend weitere tierische Produkte aus meinem Leben. Heute lebe ich weitgehend vegan. Es gibt ganz selten Ausnahmen. Gerade bei Einsätzen im Ausland ist es manchmal nicht möglich, 100% vegan zu leben. In Indien zum Beispiel, einem Mekka für Vegetarier, kennt man nicht einmal den Begriff vegan und es kann vorkommen, dass Milch irgendwo drin ist, wo man es nicht vermutet.

Und dann haben wir in unserem Tierrefugium viele gerettete Hühner. Wenn ich ein- oder zweimal im Jahr Zeit habe, ein paar Tage auf dem Hof zu verbringen, esse ich auch mal ein Ei von diesen wirklich glücklichen Hühnern. Mein liebstes Huhn heißt Jeanne d’Arc, hat nur ein Bein und ist eine echte Heldin. Ich bin überzeugt, dass sie ab und zu extra ein Ei für mich legt…

Sabine: Seid ihr FÜR Nutztierhaltung, und wollt diese bloss verbessern, oder seid ihr generell GEGEN die Haltung von nicht-menschlichen Lebewesen und verbessert deren Haltung in erster Linie aus einem pragmatischen Ansatz, weil dies den Tieren wenigstens „Linderung“ verschafft?

Esther: Grundsätzlich sind wir gegen die Nutzung von Tieren. Bei fast jeder Nutzung kommt das Tier zu kurz. Leider ist die Haltung der Tiere zur Nutzung regelmässig per Gesetz erlaubt. Das Gesetz legt dabei nicht fest, was eine anständige Haltung ist, sondern zeigt nur auf, wo die Grenze zur strafbaren Handlung liegt. Nun nützt es aber den betroffenen Tieren nichts, wenn wir die Faust im Sack machen und immer wieder gegen die Nutzung protestieren. Denn die Tiere leiden jetzt und die Nutzung wird weitergehen. So versuchen wir kurzfristig, die Leiden wenigstens zu mindern, in der Hoffnung, dass langfristig die Tiere irgendwann gar nicht mehr leiden müssen.

Wir waren z. B. sehr aktiv bei der europaweit lancierten „8hours-Kampagne“, die Schlachttiertransporte auf maximal acht Stunden reduzieren will. Ich habe genügend Schlachttiertransporte, Schlachtmärkte und Schlachthäuser gesehen und finde persönlich, dass gar nicht mehr transportiert und geschlachtet werden sollte. Aber in meinen vielen Jahren im Tierschutz habe ich auch gemerkt, dass man schrittweise schneller vorwärts kommt, als mit der Holzhammer-Methode. Die Reduktion auf zunächst acht Stunden würde schon viel Linderung bringen. Hat man dieses Ziel endlich erreicht, kann man den nächsten Schritt in Angriff nehmen.

Sabine: Esther, du wirst mit Sicherheit viel Leid sehen. Wie gehst du mit den Bildern um und wie machen es deine Kollegen?

Esther: Ich kann da nur für mich sprechen. Ja, ich sehe fast jeden Tag Leid, und einige Bilder werde ich wohl nie mehr im Leben los werden. Manchmal habe ich auch Albträume und einige Tierschicksale treiben mir immer wieder die Tränen in die Augen. Aber die Tatsache, dass ich die Möglichkeit habe, immer wieder etwas Gutes zu tun, um die Lebenssituation der Tiere zu verbessern, treibt mich ständig weiter an. So ist für mich z.B. jede einzelne Kastration ein Erfolg, über den ich mich freue, denn wer nicht in eine schlechte Zukunft geboren wird, wird auch nicht leiden müssen. Und wenn man Kühen zusieht, die ihr Leben lang angebunden waren und plötzlich die Freiheit einer Weide erleben, wie sie ihre neu erwachten Lebensgeister ausleben können, ihre Freude dabei spürt, dann weiss man, dass sich jeder Kampf lohnt. Auch ein Besuch der Schweine, Kühe, Pferde, Ziegen, Schafe und Hühner im Tierrefugium gibt viel Energie zurück. Denn diese Tiere konnten alle gerettet werden und geniessen ihr Leben heute in grösstmöglicher Freiheit. Verarbeiten kann ich ab und zu auch etwas in meiner Kolumne, die ich für das Magazin „Welt der Tiere“ schreibe. Es tut gut, Gedanken zu Papier zu bringen, um sie mit interessierten Lesern teilen zu können, in der Hoffnung, dass man zum Nachdenken anregen kann.

Weitere Eindrücke rund um die Arbeit von NetAP

Sabine: Ich habe dich durch unseren E-Mail-Kontakt als einen sehr freundlichen, herzlichen Menschen erlebt. Wie bewahrst du dir das?

Esther: Vielen lieben Dank für dieses schöne Kompliment. Ich habe das Glück, laufend neue Menschen kennenlernen zu dürfen, die wie ich denken und Tiere als gleichberechtigte Wesen verstehen. Diesen Menschen gegenüber freundlich und herzlich zu sein, fällt sehr leicht. Aber auch gegenüber Menschen, die anders denken, versuche ich nett und aufgeschlossen zu bleiben. Denn nur so kann ich sie vielleicht in der Sache überzeugen, dass unser Weg Sinn macht und sie freiwillig diesen Weg mitgehen wollen.

Sabine: Gab es in der Vergangenheit einen Moment, in dem du dachtest, das Gesehene und Erlebte nicht mehr ertragen zu können? In dem du deine Arbeit für NetAP am liebsten beendet hättest?

Esther: Ans Aufgeben habe ich noch nie gedacht. Aber dass ich in bestimmten Situationen einen kurzen Moment emotional überfordert sein kann, das kann schon passieren. Ich erinnere mich an einen Moment auf einem Schlachtmarkt, als ich nach fünf Stunden Dauerelend ein letztes Bild einer misshandelten Kuh schiessen und ein Schlächter mir die Kamera wegreissen wollte. Ich hatte an diesem Tag keine einzige gesunde Kuh auf dem Markt gesehen. Nur unglaublich viel Elend und Schmerz. Trotzdem wurden alle Tiere verladen und in die Schlachthäuser gekarrt. Das war dann einfach der bekannte letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und ich wollte nur noch auf den fast zwei Meter grossen Hünen losgehen und ihn niederschlagen. Meine Wut war so riesig, dass die beiden Tierärzte, die mich an diesem Tag begleiteten, dazwischen gehen mussten. Sie behaupteten, dass sie mich schützen wollten, aber ich bin noch heute überzeugt, dass sie den Schlächter gerettet hatten…

Es gibt Momente, meist ganz zu Beginn eines Einsatzes, in denen ich mich kurz zurückziehen und sammeln muss. Dann bin ich vorbereitet und ich kann mich auf die Arbeit konzentrieren. Das ist mein persönliches Rezept und es funktioniert. Nach einem Einsatz brauche ich auch jeweils ein, zwei Tage für mich und meine eigenen Tiere, um das Gesehene zu verarbeiten und für den nächsten Einsatz gerüstet zu sein.

Sabine: Wie viele Aktive seid ihr und wie kann man euch unterstützen?

Esther: Wir sind drei Personen im Vorstand, die sehr aktiv im Einsatz sind, und rund zehn freiwillige Helfer, die regelmäßig im Einsatz sind. Hinzu kommen zahlreiche erfahrene Tierärzte und Tierarztassistenten, die kostenlos bis dreimal im Jahr für uns Einsätze machen. Aktive, zuverlässige und belastbare Helfer sind immer sehr willkommen. Da wir keine Werbung machen (das Geld geben wir wie gesagt lieber für Tiere aus) sind wir zudem auf Mund zu Mund Propaganda angewiesen. Und schliesslich brauchen wir wie alle Organisationen Spenden, die uns helfen, weiterhin da sein zu können, wo die Not gross ist und unsere Hilfe die Lebenssituation der Tiere verbessert.

Hier erfährst Du, wie Du NetAP helfen kannst: http://www.netap.ch/helfen-sie

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