Optimierung von „Nutztieren” – Über die Forschungsarbeit des Leibniz-Instituts für Nutztierbiologie

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Nutztierbiologie
Vor nicht all zu langer Zeit betrachtete man Tiere als seelenlose Wesen, ohne Verstand, ohne Gefühle und ohne Fähigkeiten wie planerisches Handeln und soziale Interaktionen. Geprägt wurde diese Ansicht teils von der Kirche, die den Menschen als Krone der Schöpfung auserkor, und teils von Vertretern wie René Descartes, ein Verfechter des Maschinenparadigmas, der Tiere Anfang des 17. Jahrhunderts sogar zu reduktiv erklärbaren Automaten erklärte. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Heute wissen wir, wenn auch nur bruchteilhaft, um die komplexen Fähigkeiten und sozialen Bedürfnisse von Tieren. Was uns Menschen leider nicht davon abhält Tiere auszubeuten – z. B. in der Nutztierbiologie – und sie, wie Rohstoffe in einer Fabrik, nutzbar zu machen und zu optimieren.

Leibniz-Institut für Nutztierbiologie beschäftigt sich mit der Optimierung von „Nutztieren”

Auf schrecklich eindrucksvolle Weise wurde mir das wieder bewusst, als ich zufällig einem Radioausschnitt aus dem Deutschlandfunk folgte. Dort lief ein Beitrag über die Forschungsarbeit des Leibniz-Instituts für Nutztierbiologie, welches sich mit der Erforschung und vor allem Optimierung von »Nutztieren« wie Schweinen, Rindern und anderen Lebewesen in der Agrarindustrie beschäftigt. Geforscht wird hier unter anderem an Leistungs- und Anpassungsvermögen, Ressourceneffizienz und Tiergesundheit.

Interviewt wurde Projektleiter Dr. Christian Manteuffel, der sich im Projekt mit der Verhaltensphysiologie von Schweinen beschäftigt. In seinem Forschungsprojekt geht es um die Entwicklung einer computergesteuerten Aufruffütterungsanlage, um die Fütterung von Schweinen per Namensaufruf automatisch und durch Robotertechnik menschenunabhängig durchzuführen.

Schweine sind sehr vokalisationsfreudige Tiere, erklärt Manteuffel. Diese Eigenschaft machen die Forscher sich zu Nutze, um trächtigen Sauen innerhalb von zwei Wochen Rufsignale beizubringen. Sie zeigen damit eindrucksvoll wie lernfähig und intelligent Schweine sind, die ganz genauso wie Hunde, auf individuelle Rufsignale hören und auf Zuruf konditionierte Tätigkeiten ausführen können.

Nachdem Projektleiter Manteuffel einen Knopf betätigt und die computergesteuerte Anlage »Auguste« ruft, um das Schwein zur Futteranlage zu bestellen, kann die Sau erst nicht zur Anlage kommen, weil eine dominante andere Sau den Weg versperrt. Dieser Faupax in der Demonstration der Anlage zeigt vor allem, dass diese Tiere komplexe Sozialstrukturen haben. Man müsse die soziale Rangfolge der Schweine beim Aufrufen der Namen zur automatischen Fütterung beachten, erklärt der Projektleiter. Wichtig ist auch, dass der Computer die Fressreihenfolge täglich neu festlegt, ansonsten fangen die Tiere an sich die Reihenfolge zu merken und das System zu überlisten, indem sie sich zum Beispiel vordrängen, wenn eine andere Sau die Tür aufgemacht hat.

Schweine haben ein Recht auf Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse

Schweine planen also, merken sich Reihenfolgen und können ein computergesteuertes System überlisten. Sie haben komplexe soziale Strukturen und ein vielschichtiges Kommunikationssystem. All diese Eigenschaften machen diese Lebewesen zu Individuen, welche meiner Meinung nach ein Recht auf Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse haben. Anstatt computergesteuerte Fütterungsautomaten zu entwickeln, um diese Geschöpfe noch effektiver ausbeuten zu können, sollte man überlegen wie man diesen Tieren ihren Wert und ihre Würde wiedergeben kann. Anstatt die Fähigkeiten dieser Tiere zu nutzen, um sie per Aufruf automatisch und ohne menschliche Hilfe in einer elektronischen Anlage mästen zu können, sollten diese Fähigkeiten die Grundlage sein für ein Zugeständnis auf das individuelle Recht auf Leben und Unversehrtheit. Leider führen die Erkenntnisse dieser Nutztier-Forschungseinrichtung zu falschen Überlegungen.

Laut offizieller Pressemitteilung wird diese automatische Fütterungsanlage dazu entwickelt, um unerwünschte Stress- und Kampfsituationen am Futtertrog zu verhindern und damit das »Tierwohl« zu fördern. In der Pressemitteilung heißt es aber eben auch: »Bei der Aufruffütterung wird dieser Mehrwert durch die Möglichkeit geschaffen, mit gesünderen Tieren länger arbeiten zu können. […] Die Langlebigkeit der Sauen wird dadurch für die Halter zu einem Faktor von direktem wirtschaftlichem Interesse.« so Manteuffel.

Das alles erinnert mich an die eine Szene in dem Film Matrix. Die Menschen werden in der bekannten Trilogie in einer von Maschinen regierten Welt als Energiequelle genutzt und existieren, angeschlossen an Maschinen, als »lebende Batterien« ausschließlich zum Zwecke der Energiegewinnung. Wer diesen Vergleich für weit hergeholt oder übertrieben hält, der möge »Animal Disenhancement for Animal Welfare« (zu deutsch: Verminderung der Fähigkeiten der Tiere zum Zweck des Wohlbefindens) und »Animal Microencephalic Lumps« (zu deutsch: Tierklumpen mit winzigem Gehirn) googeln und wird auf erschreckende Überlegungen stoßen.

Dieses Projekt der Fütterungsoptimierung des Leibniz-Instituts für Nutztierbiologie wird vom Staat mit rund einer Vier­tel­mil­li­on Euro gefördert. Ich wünschte mir, man würde mit dem Geld unser ethisches Bewusstsein fördern und unser Mitgefühl gegenüber Tieren optimieren.

Bildnachweis: Titelbild, Gunnar Richter

Kommentare

  1. Christian Manteuffel meint

    Hallo Herr Schneider,
    ich finde ihr Matrixvergleich trifft es tatsächlich und ist nicht übertrieben. Nutztiere werden gehalten, um sich von ihnen zu nähren (wozu sonst?), wie die Maschinen in Matrix sich vom Stoffwechsel der gefangenen Menschen nähren. Ihre Grundthese ist also, dass der Mensch als einziges Tier nicht befugt ist, sich von anderen Tieren zu nähren, weil er sich selbst als einziges eine Ethik erdacht hat, die ihm das verbietet. Offenkundig gibt es aber nicht eine einzige, sondern verschiedene erdachte Ethiken (z.B. in verschiedenen Kulturkreisen). Besonders spannend finde ich selbst z.B. die Frage, ob der Mensch Tiere in Gefangenschaft halten darf, allein damit sie ihn amüsieren. Das macht tatsächlich nur das Tier Mensch und ist aus meiner Sicht ethisch viel problematischer, als sie zu essen. Als ethisch motivierter Veganer sollte man deshalb konsequenter Weise gegen jegliche Form der Tierhaltung sein. Nur weil man nur das Beste für sein Haustier möchte, bedeutet das nicht, dass man nur das Beste für sein Haustier tut. Vieles, was der Mensch niedlich und anziehend an Haustieren findet, ist eigentlich eine Verhaltensstörung in Folge der Gefangenschaft und Symptom eines sinnloses Leidens. Insofern lautet die eigentliche Grundfrage, soll der Mensch Tiere halten?

    Unter der Prämisse, dass der Mensch Tiere halten kann, muss man damit leben, dass diese Tiere Verhaltensanomalien in verschiedenen Ausprägungen zeigen. Das sind per Definition Verhaltensweisen, die in der Natur nicht vorkommen. Sie kommen bei Nutztieren vor, weil die Haltung in Gefangenschaft, wie der Begriff bereits ausdrückt, die Tiere einschränkt. Die Verhaltensforschung am Nutztier dient u.a. dazu, die Wirkung dieser Einschränkungen z.B. durch Ermöglichung von Ersatzhandlungen zu verringern. Damit das in der Praxis umgesetzt wird, muss es sich als Investition für den Landwirt rechnen. Solche Forschung wird in ihrem Beitrag beschrieben. Zu fordern, dass man Nutztiere nicht nutzt, führt wieder zur Grundfrage, darf der Mensch Tiere halten.

    Unter der Prämisse, dass der Mensch keine Tiere halten soll, gibt es per Definition keine Nutztiere und Haustiere mehr. Warum, wo und wie sollten die leben? Und für Wildtiere existiert im Rahmen ihrer natürlichen Umweltbedingungen ein faktisches „Recht“ auf Leben und Nutzung ihrer angeborenen Fähigkeiten zum Erhalt ihrer Unversehrtheit. Dieses „Recht“ ist allerdings unabhängig von den kognitiven Fähigkeiten einer Spezies. Wie man zusätzlich ein universelles Recht auf körperliche Unversehrtheit für (ggf. höhere) Wildtiere umsetzen will, leuchtet mir nicht ein.

    Bitte bedenken sie auch, dass das Verhalten von Wildtieren an einem Institut für Wildtierforschung untersucht wird und nicht ab einem Institut für Nutztierforschung. Ein Institut für Nutztierforschung geht von der Prämisse aus, dass der Mensch Tiere halten kann. Andernfalls existiert es nicht.

    Der obige Text stellt meine private Meinung dar. Viele Grüße,
    Christian Manteuffel

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