Philip Wollen im Interview – Tierrechtsaktivismus ist nichts für schwache Nerven

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Philip Wollen Interview

Philip Wollen Tierrechtsaktivist und Philantrop. Er gründete die Stiftung “Winsome Constance Kindness” (Kindness Trust), die er zusammen mit seiner Frau Trix führt. Sie unterstützen weltweit zahlreiche Projekte, so zum Beispiel die Aktivitäten von “Sea Shepherd”. Philip Wollen ist weltweit eine der bekanntesten Personen der veganen Bewegung. Er sprach mit Esther Geisser, Gründerin und Präsidentin der Schweizer Tierschutzorganisation “NetAP – Network for Animal Protection”, während eines gemeinsamen Besuchs bei VSPCA in Indien, wo sie beide als Mitglieder des Advisory Board tätig sind.

Interview mit Philip Wollen

E: Danke, dass Du Dir die Zeit für ein Interview für Vegan News nimmst Philip. Viele Veganer und Tierschützer kennen Eure Stiftung “Kindness Trusts” nicht. Könntest Du etwas darüber erzählen?

Philip und Esther

Philip und Esther

PW: Ich war früher Handelsbankier. Auf meinen weltweiten Reisen begegnete ich unvorstellbarer Gewalt, Grausamkeit und Brutalität gegen menschenähnliche und andere Tiere. Es hat mich zutiefst schockiert. Ich entschied an meinem 40. Geburtstag, dass ich alles, was ich besass, zu Lebzeiten weggebe, um arm zu sterben. Ich kann sagen, dass ich noch voll im Budget liege! Bis jetzt habe ich 400-500 Projekte in etwa 40 Ländern unterstützt, die sich an den „fünf Fingern“ orientieren – Kinder, Tiere, Umwelt, Todkranke und emporstrebende Jugendliche. Das umfasst z.B. Schulen, Waisenhäuser, Heime, Kliniken, Schutzgebiete, Katastrophenschutz, Kastrationsprogramme für Straßentiere, Filme über die Menschlichkeit, Kunst, Dammschutz, vegane mobile Restaurants, “kindness farms”, Ambulanzen, Onkologie-Arbeit, Strassenopfer mit Traumata, all diese Sachen. Wir arbeiten maßgeblich in Ländern, in welchen vorherrschende Kosten und benötigte Strukturen erlauben, den größtmöglichen Nutzen aus den investierten Geldern zu generieren. Im übertragenen Sinn also „mehr Effekt für das Geld“.

E: Du bist ein bekannter Tierrechtler. Wie kam es eigentlich dazu?

PW: Jeder erinnert sich an seine erste Liebe. Ich erinnere mich an meinen ersten Hass … Tierquälerei. Und dieser Hass ist exponentiell gewachsen. Diese Abscheu vor Tierquälerei hat alles ins Rollen gebracht. Tiere zu töten, um sie zu sogenannten Lebensmitteln zu verarbeiten, ist grausame Quälerei. Punkt! Es gibt keine „humane“ Tötung. Aber auch wenn die Tötung nicht grausam wäre, würde ich es dennoch ablehnen, ein anderes fühlendes Wesen, das nicht sterben will, zu töten.

Tiere haben das Recht, in Frieden zu leben, in Freiheit und ohne Angst. Jedes von ihnen hat eine individuelle Geschichte. Es ist einfach die unbeschreibliche Grausamkeit, die unbeschreibliche Ignoranz oder das absichtliche, abgestumpfte Wegschauen, das einen diese Wahrheit nicht erkennen lässt. Es gibt keinen stichhaltigen Grund, Tiere zu töten. Nur Ausreden.

E: Aber es ist immer noch ein langer Weg vom Vizepräsidenten der Citibank zum Mann, der Du in den letzten Jahren geworden bist. Wie wurdest Du zum Veganer?

PW: Ich war ein Banker, dessen Leibspeise Filet Mignon und Hummer war, bis ich beauftragt wurde, die Tochtergesellschaft eines unserer grössten Kunden zu besuchen. Es stellte sich heraus, dass dies ein Schlachthaus war. Und ich hatte noch nie zuvor ein Schlachthaus gesehen. Es rann mir kalt den Rücken runter und mir stockte der Atem. Dieses Erlebnis hat mich nicht nur zum Vegetarier gemacht. Es machte mich zu einem wirklich mitfühlenden Menschen. Niemand, der den ermordeten Körper eines unschuldigen Tieres isst, kann von sich behaupten mitfühlend zu sein. Der Schlachthofbesuch veränderte mein Leben von Grund auf. Ich fällte an diesem Morgen die wichtigste Entscheidung meines Lebens: Vegetarier und Fürsprecher für die soziale Gerechtigkeit zu werden.

Aber ich lebte noch nicht vegan. Dazu wusste ich noch nicht genug. Ich realisierte nicht, welche Grausamkeit sich hinter den Mauern der Milchwirtschaft verbarg. Ich wurde Veganer, als ich vor Jahren sah, was mit Millionen von Hühnern geschah, wie ihnen die Schnäbel gekürzt wurden, wie männliche Kücken geschreddert wurden … Auf einer Geschäftsreise nach Indien sah ich, wie ein Bauer eine Kuh zog und sie schlug, weil sie sich nicht mehr bewegen konnte. Er schmierte ihr Chilipuder in die Augen und schob ihr scharfe Gegenstände in den Anus. Sie hatte eine Kette um den Hals und er zwang sie, mit einem gebrochenen Bein und schweren Verletzungen zu laufen. Neben ihr lief ihr kleines, mageres und sehr verängstigtes Kalb. Die Rippen standen hervor, es zitterte jämmerlich auf seinen dünnen Beinchen. Vor dem Schlachthaus nahm er der Kuh die Ketten ab. Aber bevor er das tat, hatte der Bastard sie noch gemolken. Und da realisierte ich es: Milch war nichts anderes als Fleisch in flüssiger Form.

Impressionen aus dem gemeinsamen Aufenthalt von Philip Wollen und Esther Geisser in Indien

E: Wie hat Dein soziales Umfeld auf Deine Veränderung reagiert? Wurde das akzeptiert? Wie reagierst Du, wenn Menschen Dich als extrem oder radikal bezeichnen?

PW: Als Aktivist brauchst Du vor allem Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und den Mut, die Gesellschaft mit dem Leiden der Tiere zu konfrontieren, gerade weil es sie kaum interessiert. Du musst die moralische Stärke haben, auch gegen den Spott und Widerstand von Familienmitgliedern oder Freunden oder all den Institutionen, die wir zur Durchsetzung des Paradigmas der Gewalt aufgebaut haben, zu bestehen. Tierrechtsaktivismus ist nichts für schwache Nerven.

E: In Anbetracht der vielen Millionen von hungernden und ausgebeuteten Menschen auf der Welt und der Tatsache, dass Du Dich für Tierrechte stark machst, kommt es da auch vor, dass Du kritisiert wirst, Deine Energie nicht für die Menschen einzusetzen?

PW: Ja klar, das passiert. Aber diese Menschen haben eine selektive Wahrnehmung. Sie sehen nicht, dass die Tierrechtler sich letztendlich für den Schutz der Vielfalt des Lebens auf dieser Erde einsetzen. Sie zeigen uns gesundheitliche Vorteile, schützen unsere Flüsse und Ozeane und insbesondere unsere kostbaren Wasservorräte, und sie setzten sich gegen die Zerstörung der Wälder ein. Tierrechtler schützen also ihre Mitmenschen, und jeder der etwas anderes behauptet, erzählt absoluten Unsinn.

E: Wenn Du das Wirtschaftswachstum ansiehst, dann spielen Vegetarier und Veganer keine wichtige Rolle.

PW: Es gibt über 600 Millionen Vegetarier auf der Welt. Das ist mehr als die USA, England, Frankreich, Deutschland, Spanien, Kanada und Australien zusammen Einwohner hat. Wären sie eine Nation, dann wären sie grösser als die 27 Länder der EU. Das ist ein großer ein „Fussabdruck“.

Leider sind wir aber eine nicht sehr gut organisierte Bewegung. Wir arbeiten nicht effizient genug am gemeinsamen Ziel und verbringen unverhältnismässig viel Zeit, Energie und Geld mit Streitereien untereinander. Aber die Medien werden demokratisiert. Das Internet hat eine neue Gattung kreiert, die sogenannten Bürgerjournalisten. Die Tierrechtsbewegung muss sich die sozialen Medien zu Nutze machen und es als Mittel zur Veränderung einsetzen.

Ich glaube fest daran, dass der Veganismus der Motor ist, um das Wirtschaftswachstum in die richtigen Bahnen zu lenken. Und die agilen, ethisch verantwortlichen Unternehmen werden den Kraftstoff für diesen Motor bilden. Veganismus ist das Schweizer Armeemesser der Zukunft. Ein Instrument, das alle unsere ethischen, wirtschaftlichen, ökologischen, gesundheitlichen Probleme löst. Und es beendet die Tierquälerei – für immer!

E: Wie können Veränderungen eingeleitet werden? Brauchen wir Gesetze, Politiker und Behörden, die uns zur Veränderung zwingen?

P1200314PW: Letztendlich ist Politik immer eine lokale Angelegenheit. Wenn wir eine kritische Grösse in unseren eigenen Gemeinschaften erreichen, wird dies den Startpunkt bilden, um den Veganismus in der Nachbarschaft und schliesslich in der Nation zu verbreiten. Ich halte Vorträge in vielen Ländern. Im Publikum sitzen immer gute, fürsorgende Menschen, die ernsthaft die Welt verändern möchten; aber nur, solange sie sich selber nicht verändern müssen. Aber so funktioniert es nicht. Zuerst müssen wir die Veränderung in unseren Herzen vollziehen. Dann wird uns die Welt folgen. Der demokratische Prozess ist unsere letzte und beste Chance für eine aufgeklärte Regierung.

E: Aber wir haben immer noch Kulturen und Traditionen, die unsern Glauben und unser Handeln bestimmen.

PW: Wir müssen diese Killer-Mentalität aus unserem Leben und unserem Lexikon entfernen. Kultur und Tradition spielen zwar eine bedeutende Rolle, sie sind aber nicht unveränderlich. Kulturen verändern sich laufend! Medien, Werbung und die Globalisierung wirken tief auf Kulturen ein. Kulturen, die niemals Rindfleisch konsumiert haben, tun dies jetzt. In Indien und China, wo die wirtschaftlichen Standards angehoben werden, wird die traditionelle vegetarische Kost durch die traditionell auf Fleisch basierte Ernährung der westlichen Welt ersetzt. Diese Länder werden immer reicher, besser ausgebildet – und verbrauchen mehr Tiere als je zuvor. Wir müssen die Unternehmen, die Unternehmer und auch die Verbraucher erziehen. Die heutigen Massenvernichtungswaffen sind unsere Messer und Gabeln geworden … und zunehmend auch die Essstäbchen.

E: Was ist ein „Ahimsan“?

PW: Das schönste Wort, das je geschrieben wurde, kommt aus Indien. Von den Upanishads vor 3000 Jahren: “Ahimsa”, ein Wort aus dem Sanskrit, das so viel bedeutet wie “die Abwesenheit von Gewalt gegen Lebewesen“. Ich liebe dieses Wort und wünschte mir, es würde zur weltweiten Realität werden.

Ich sehe mich selber nicht nur als einen sich vegan ernährenden, australischen Mann. Ich bin „Ahimsan“. Das ist eine übergreifende Bezeichnung, die meine Überzeugungen am besten umschreibt. Ich lehne jegliche Form von Gewalt ab, nicht nur in Bezug auf Essen und Kleidung. Ich handle – oder versuche es zumindest – auch in meinem Reden und Denken danach zu handeln. Wir mögen Inder, Amerikaner, Deutsche, Australier, Schweizer, Engländer oder Palästinenser sein. Wir mögen Hindus, Christen, Muslime, Buddhisten, Sikhs, Jains oder Juden sein, oder keiner Religion angehören. Aber wenn wir ein wahres, authentisches Leben führen würden, hätten wir eine gemeinsame Basis, ohne dass wir unseren Glauben opfern müssten. Diese gemeinsame Basis ist „Ahimsa“. Es beschreibt unseren Charakter. Punkt. Es sagt, wir lehnen Gewalt ab bei allem was wir tun.

Ich habe diese Überlegung einmal im Gespräch gegenüber Maneka Gandhi, einer bemerkenswerten Frau des Indischen Parlaments erwähnt. Sie meinte: „Ja, eines Tages wird die Welt die Ahimsans als gebildete, erleuchtete und elegante Menschen sehen.“

P1200385E: Was kommt als nächstes? Verfolgst Du neben der Förderung einer veganen Lebensweise weitere Ziele?

PW: Ich bin immer glücklich, mit all jenen zu arbeiten, die ebenfalls die vegane Lebensweise fördern. Ich bin ständig unterwegs, halte Reden oder biete Unterstützung im Aufbau zahlreicher Tierschutzprojekte. Allerdings habe ich jetzt einen weiteren Schwerpunkt: Ich möchte nicht mehr nur, dass mein Publikum vegan wird. Ich möchte, dass die Menschen Aktivisten werden! Das bedeutet, dass sie nicht einfach nur meinen Worten folgen und auf eine vegane Ernährung umstellen. Was ich vorschlage ist ein subversiver Akt in seiner reinsten und edelsten Form … es geht um die Schaffung von Aktivisten, also Menschen mit Charakter und Mut, die Führungsrollen übernehmen können. Ich will die nächste Generation an Aktivisten zu mehr Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein ermutigen, damit sie erfolgreicher und durchsetzungsfähiger werden, als die Aktivisten der Vergangenheit.

E: Philip, wir sind leider am Ende unseres Interviews angekommen. Gibt es noch etwas, was Du die Vegan-News-Leser wissen lassen möchtest?

PW: Ich möchte eine mitfühlende Welt, in der alle Lebewesen mit Respekt behandelt und geschützt werden.

Philip Wollen über die Notwendigkeit, auf Fleisch zu verzichten

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