Tierversuchsstadt Tübingen – Tierrechtsaktivisten kapern die Innenstadt

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Demo gegen Tierversuche in Tübingen
Am 28. Mai haben sich 600 Tierrechtsaktivisten, unter der Leitung des Vereins SOKO Tierschutz, der Tierversuchsstadt Tübingen bemächtigt. Als Teil der großen Kampagne gegen die am Max-Planck-Institut durchgeführten Affenversuche kamen nun schon zum sechsten Mal Aktivisten und Aktivistinnen aus allen Teilen des In- und Auslands in die Kleinstadt, um gegen die grausamen Tierversuche zu protestieren. Dabei übernahmen Sie mit einer gewaltigen Demonstration und anschließenden Einzelaktionen einen Großteil der Innenstadt.

Unter Neptuns Zeichen

Als die Demonstranten sich gegen 14 Uhr am Rathausplatz der beschaulichen Fachwerkstadt einfinden, könnte das Wetter nicht besser sein. Ein Arsenal an Anti-Tierversuchsbannern bedeckt den historischen Pflastersteinboden. Während Friedrich Mülln, der Kopf von SOKO Tierschutz, den Aktivisten die letzten Instruktionen mit auf dem Weg gibt, spielt ein Akkordeon französische Musik im Einklang mit dem Plätschern des Marktbrunnens. Fast könnte man vergessen, was sich in Tübingen hinter versteckten Labortüren abspielt, wären da nicht Hunderte von Schildern, die mit Bildern von gequälten Affen dessen Leid an die Öffentlichkeit bringen.

Kurz vor Beginn des Demonstrationszuges ist der überschaubare Rathausplatz gefüllt mit einem Meer aus Menschen. Die schwarze Flagge mit der Aufschrift »Animal Liberation – Human Liberation« ragt aus dem Menschenmeer wie der Fahnenmast eines Piratenschiffs. In der Mitte des Platzes streckt die Statue des Neptun, Gott des Meeres und des Wetters, seinen Dreizack gebieterisch in Richtung der Gestirne, als würde er selbst die Aktivisten an diesem Ort zusammenrufen. 600 Menschen machen sich bereit die Stadt zu entern.

Neptun Statue in TübingenAls sich der Himmel langsam zuzieht, drängt sich das Menschenschiff durch die engen Gassen der Innenstadt. Begleitet vom energischen Getöse der Demonstranten schiebt es sich immer weiter nach vorn. Passanten stehen wie versteinert an den Seiten der Einkaufsgassen, manche filmen die Demonstration mit dem Handy, andere murmeln mürrisch etwas in sich hinein. Selten erlebt diese verschlafene Kleinstadt solch einen Aufruhr. Als die Menge auf Höhe der Hauptstraße ankommt, erfasst ein harter Platzregen die Meute. Lauter Donner überzieht die Stadt, als würde der Zorn der Forscher selbst auf die Aktivisten niedergehen. Als würde Neptun sie auf die Probe stellen. Doch das Menschenschiff wackelt nicht und schiebt sich unaufhörlich den Berg hinauf. In den pitschnassen Gesichtern zeichnet sich Entschlossenheit. Niemand hat die Absicht jetzt das Schiff zu verlassen. Unmengen von Regenwasser zerteilt sich unter den festen Schritten der Menge. Und so schreiten sie weiter, 600 Menschen getrieben vom Willen das Leid der Laboraffen zu beenden.

Tübingen wird gekapert

Demo in TübingenNachdem das Menschenschiff die Innenstadt durchquert hat, legt es sich am Neptunbrunnen des Rathausplatzes vor Anker. Jeder Mann und jede Frau ist nun Nass bis auf die Knochen. Der Regen macht sie alle gleich. Die Aktivisten stellen sich unter die Pavillons, einige kuscheln sich zu zweit oder zu dritt unter Regenschirme und warten auf die Instruktionen des Captains, denn als nächstes wird die Stadt gekapert. Kurz bevor die Menge sich aufmacht ihre Plätze in der Stadt zu besetzen, schickt Neptun den Tierversuchsgegnern ein Zeichen. Innerhalb weniger Minuten reißt der Himmel auf und die Sonne tränkt den Platz in grelles Licht.

Toter Affe in der Innenstadt von TübingenGegen 16 Uhr okkupieren mehrere Aktivisten die Innenstadt mit bis zu 19 Einzelaktionen an jeder erdenklichen Ecke. Die belebten Straßen werden gepflastert mit Anti-Tierversuchssprüchen und den Kreide-Silhouetten der im Max-Planck-Institut gefangenen Affen. Vor dem Stadtmuseum und dem Rathaus werden die grausamen Tierversuche  nachgespielt. Nachgebaute Affenstühle und im Hintergrund abgespielte Originalaufnahmen aus dem Affenlabor versetzen die Passanten in Schrecken. Bei jedem verzweifelten Affenschrei verziehen umstehende Touristen und Tübinger ihre Gesichter. Auf dem Rathausplatz wird ihnen die Grausamkeit, die vor ihnen verborgen wird, näher gebraucht. Trotzdem lässt sich nur erahnen wie schmerzvoll diese Versuche für die Tiere hinter den dicken Labormauern sein müssen.

»Wir dürfen diese Barbarei mit unseren Steuergeldern bezahlen, aber wir dürfen nicht wissen was in den Laboren passiert«, verdeutlicht Friedrich Mülln am Mikrofon. Mal zappelnd und windend, mal stillstehend und fixiert spielen die Aktivisten mit Affenmasken den Endversuch auf den Treppen des Rathausplatzes nach. Am Ende beschallt ein hochfrequenter Piepton den gesamten Platz.

»Wir wissen, für was dieser Ton steht«, sagt Friedrich Mülln »Für ein Aktenvermerk beim Max-Plack-Institut« und spielt damit auf den sinnlosen Tod der Affen an.

Aktivisten auf der DemoAn anderer Stelle, vor der Stiftskirche auf dem Marktplatz, stehen ca. 40 Aktivisten mit beschrifteten Schildern in der Hand. Sie stehen stellvertretend für hunderte Todesopfer des Max-Planck-Instituts in Tübingen. Die Sonne lässt ihre weißen Anzüge auf den Treppen der Kirche erstrahlen. Auf den Schildern mahnen die Namen der Versuchsopfer: Kasimir, Alf, Fridolin, Hugo und noch viele weitere.

Keine Person, die sich heute auf den Weg in die Stadt gemacht hat, kommt an den Aktivisten und ihren 19 kreativen Aktionen vorbei. Sie haben die Stadt einmal mehr eingenommen, um gegen die unerträglichen Affenversuche des MPI anzukämpfen.

»Wir werden diese grausamen Affenversuche noch Ende dieses Jahres beenden. Ohne Kompromisse!« verspricht Friedrich Mülln bei der Abschlusskundgebung unter großem Applaus. Inmitten der Menge streckt Neptun den Dreizack unverändert in den nunmehr blauen Himmel. Jenen Himmel, den die Affen im Versuchslabor niemals zu Gesicht bekommen.

Weitere Eindrücke von der Demo in Tübingen


Bildnachweise: Alle Fotos von Christian Adam, http://tierretter.de/

Kommentare

  1. Jutta , Meinerzhagen meint

    Absolut bewundernswert!!!!!!!! Ich hoffe das dieser Grausamen Quälerei endlich ein ende gesetzt wird.

  2. meint

    Keine Trend, kein Wahn sondern eine rießen Bewegung der Veränderung! Toller Ausdruck des Umdenkens zu einem nachhtigeren Leben. Und idealer Gesprächsstoff für alle „Vegi-Kritiker“. Damit ist Aufmerksamkeit gesichert.
    Wichtig ist wirklich, dass es bei einer niveavollen und ruhigen Demo kommtn, dass macht viel mehr positiven Eindruck.
    Ps: spannend und lebhaft geschrieben 😉

  3. meint

    Hallo zusammmen,

    wir finden den Artikel „Tierversuchsstadt Tübingen – Tierrechtsaktivisten kapern die Innenstadt“, vom 30. Mai 2016 sehr gelungen und würden ihn gerne auf unserer Homepage verlinken?
    Ist das okay?

    Aktivistische Grüße

    i.A. Cora Bädke
    Tierrechtsgruppe Gießen

    • meint

      Hey Cora! Wir freuen uns, dass dir der Artikel gefällt. Sehr gerne dürft Ihr ihn verlinken. Wir würden nur darum bitten, nicht größere Textpassagen daraus zu kopieren und auf eurer Website zu veröffentlichen. Aber ich denke, dass hattest du vermutlich gar nicht vor. :)

      lg, matze

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