Vegan in Lagos – Justin P. Moore berichtet aus Nigeria

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Vegan in Lagos, Nigeria

Als unser Flugzeug am 8. Oktober 2014 den Flughafen von Lagos in Nigeria ansteuerte, wurde ich plötzlich nostalgisch. Die rote Erde, die bunten Häuser und die verzweigten Straßen, die ich vom Flugzeugfenster aus sehen konnte, erinnerten mich an meine erste Reise nach Afrika im Jahr 2000. Seitdem habe ich den afrikanischen Kontinent mehrere Male besucht, und jedes Land, das ich bereiste, hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.

Es sind sehr lebhafte und eindringliche Erinnerungen. Afrika ist überwältigend und auf viele Arten einzigartig. Das Reisen außerhalb der Komfortzone der ersten Welt kann Herausforderungen mit sich bringen und verlangt Flexibilität und Offenheit. Jedes Land, das ich bisher besucht habe, ist auf seine Weise außergewöhnlich, wie eine eigene kleine Welt mit einer eigenen Kultur, eigenen Sprachen, Lebensweisen und, natürlich, eigenen kulinarischen Spezialitäten.

Im Laufe der Jahre habe ich aufgehört, mich minutiös vorzubereiten, bevor ich ein neues Land bereise. Stattdessen versuche ich nur noch, vorher das Wichtigste herauszufinden und dann im Land selbst so viel Zeit wie möglich mit Einheimischen zu verbringen. Vor meiner Reise nach Nigeria beschäftigte ich mich daher ein bisschen mit den verschiedenen Sprachen und der Küche vor Ort und musste für mein Visum einiges an Papierkram erledigen. Meine beste Vorbereitung bestand jedoch in dem Wissen, Kontakt zu Einheimischen zu haben, die mich an ihrem Leben in Lagos teilhaben und mir ihre Stadt zeigen würden – Dinge, die man in keinem Reiseführer und erst recht nicht aus den Medien erfährt.

Einladung zum World Veg Fest in Lagos

Verkehr in Lagos, Nigeria

Verkehr in Lagos, Nigeria

Einige Monate zuvor hatte ich von einem Freund aus der veganen Szene in Hamburg eine Einladung zum dreitägigen World Veg Fest im Oktober in Lagos bekommen. Wir trafen uns an dem Abend, als Deutschland Fußballweltmeister wurde, und besprachen die Details: Bernd Drosihn von Viana und Tofutown bot mir an, meine Reisekosten zu sponsern, und wir beschlossen, gemeinsam nach Nigeria zu fliegen. Jeder von uns war schon an allen möglichen Ecken der Welt gewesen und hatte bereits jede Menge Reiseerfahrung, aber Nigeria war für uns beide Neuland. Ich hatte bereits Ostafrika (Kenia und Tansania) und Westafrika besucht (Senegal und Gambia) und dachte, dass die Kultur, die Infrastruktur und das Essen wohl ähnlich sein würden.

Ebola-Angst berechtigt?

Eine Woche bevor es losgehen sollte, redeten Bernd und ich mehrere Male miteinander. Wegen des Medienrummels und dem Ebola-Ausbruch in Westafrika überlegten wir, die Reise eventuell abzusagen. Ich schloss mich daraufhin mit einigen Einheimischen in Lagos kurz, die mir versicherten, dass es in Lagos sicher war und die Medien ein sehr verzerrtes und nicht gerade ehrliches Bild der Lage in Nigeria wiedergaben. Also beschlossen wir, doch nach Lagos zu reisen.

Bei unserer Ankunft am Flughafen warteten zwei Lufthansa-Angestellte auf uns und halfen uns, schnell durch die Pass- und Zollkontrolle zu kommen. Alles verlief ohne Probleme, und schon am Flughafen fühlten wir uns freundlich willkommen geheißen. Draußen wartete schon Hakeem, der Organisator des Lagos World Veg Fest und Chef des Veggie Victory Restaurants, auf uns, um uns in seinem Auto durch die hektischen, vom Berufsverkehr verstopften Straßen der Megacity zu lotsen.

Wir fuhren zum Veggie Victory im Freedom Park, wo das Festival stattfinden sollte. Dort trafen wir das Restaurantteam, das uns unser erstes nigerianisches Essen zubereitete: Veganes Schawarma und eine vegane Version des nigerianischen Klassikers Suya: köstliche (pflanzliche) Schaschlikspieße, die mit einer würzigen Erdnusssoße überzogen waren.

Sogar das Hotelfrühstück war erstaunlich gut: frische Ananas und Wassermelone mit Toast, Marmelade und Kaffee. Die Leute waren unglaublich nett und strahlten die ganze Zeit. In Taxis, auf der Straße, in den Geschäften, einfach überall waren die Nigerianer gastfreundlich, warmherzig und ungeheuer liebenswert.

Mit dem Essen hatten wir nirgendwo Probleme. Wie immer habe ich freundlich gefragt, welche vegetarischen Optionen es gibt, und erklärt, was ich esse und was nicht, ohne davon auszugehen, dass jeder weiß, was sich hinter dem Begriff „vegan“ versteckt, und ohne von vornherein zu erwarten, dass man für mich immer und überall Ausnahmen machen würde. Jedes Mal wurde ich mit Großzügigkeit, Neugier und Respekt belohnt.

Wenn ich reise, frage ich gern nach, wie bestimmte Gerichte zubereitet werden, denn ich möchte ja etwas über die kulinarischen Spezialitäten vor Ort erfahren. Auch in Lagos durfte ich einen Blick in die Küchen werfen und dabei zuschauen, wie nigerianisches Essen zubereitet wird. Bernd und ich waren ziemlich beeindruckt, als wir sahen, wie das vegane Restaurant seinen hauseigenen Tofu herstellte.

Radiostation

Bernd und ich in der Radiostation

Bernd, Hakeem und ich wurden von einem der größten Radiosender eingeladen, um über Tofu, eine vegane Lebensweise und das anstehende Festival zu reden. Unser Besuch im Aufnahmestudio war eine richtig spannende Sache, und auf jeden Fall viel moderner und hightechmäßiger, als wir es uns vorgestellt hatten.

Mein erster Streich beim Lagos Veg Fest war ein Ernährungs- und Smoothie-Workshop für eine Gruppe von Schulkindern, die zum Festival gekommen waren. Ich erzählte ihnen ein bisschen von meinen Reisen, und dann unterhielten wir uns übers Essen. Danach schmissen wir die Mixer an und bereiteten 50 Smoothie-Portionen mit Obst aus der Region zu. Es hat eine Menge Spaß gemacht. Auf dem Festival waren alle möglichen Aussteller vertreten: von Biobauern und -bäckern über Meditationsgruppen und vegetarische Clubs bis hin zu Cafés und Naturkostunternehmen war alles dabei. Ich war ziemlich erstaunt, als ich herausfand, wie viele Immigranten aus Indien in Lagos leben. Auf dem Festival traf ich mehrere indische Familien, die mir nicht nur großartiges Essen anboten, sondern auch fantastische Geschichten zu erzählen hatten. Dadurch war mein Veggieleben in Nigeria um ein Vielfaches einfacher, als man zunächst annehmen würde.

Jedes einzelne Gericht bei Veggie Victory war einfach köstlich. Das Aroma und der pikante Geschmack waren überwältigend! Ich liebe scharfes Essen und habe mich jedes Mal gefreut, dass die Gerichte so viel Gemüse und rohe Zutaten enthielten, und nicht nur auf Fleischersatz setzten. Je mehr ich mich mit den Einheimischen und anderen Köchen unterhielt, umso mehr merkte ich, dass es wirklich nicht schwer ist, die nigerianische Küche zu veganisieren.

Kochshow in Lagos

Kochshow in Lagos

Bei meiner Kochshow auf der Bühne des Veg Fests hatte ich ebenfalls viel Spaß. Ich kochte einen riesigen Topf mit einem meiner indischen Lieblingsrezepte aus meinem Buch The Lotus and the Artichoke: Palak Tofu Panir, ein Spinat-Curry-Gericht. Ich verwendete Gemüse und Grünzeug, das ich in Lagos auf dem Markt gekauft hatte – alles wurde unglaublich lecker! Innerhalb von 10 Minuten servierte ich über 40 Portionen, unterhielt mich danach mit den Zuschauern und signierte Kochbücher.

Das Highlight meines Lagos-Besuchs war ein 5-Gänge-Dinner im Restaurant Terra-Kulture. Ich kochte zusammen im Team mit Tiyan, einer klassisch ausgebildeten Chefköchin und Kochlehrerin mit eigener Kochschule. Die meisten Vorbereitungen für unser Dinner erledigten wir in ihrer Küche, wo sie uns auch ein unvergessliches Mittagessen mit Eguso-Eintopf und Fufu zubereitete – scharfem grünen Blattgemüse mit gemahlenen Samen und Maniokstampf.

Tiyan und ich

Tiyan und ich

Wir brachten alles ins Restaurant und begannen, mit unseren Assistenten das Dinner fertig zu kochen. Als Hauptgang bereitete ich Mattar Tofu Panir mit frischem hausgemachten Tofu zu – ein ähnliches Gericht wie das bei der Kochshow, aber mit Erbsen statt mit Spinat. Vom Salat bis zum Doppeldessert waren alle Gänge ein Gemeinschaftswerk, das von unserer jeweiligen Kocherfahrung und unseren kulinarischen Eingebungen inspiriert wurde. Die Gäste waren begeistert. Für mich war es eine große Ehre, für sie kochen zu dürfen, zumal einige von ihnen VIPS der internationalen Szene in Lagos waren.

Impressionen des 5-Gänge-Menüs

Die Tage darauf bummelten Bernd und ich durch die Stadt, erkundeten Sehenswürdigkeiten und Märkte und schwatzten mit den Einheimischen und unseren neuen Freunden. Wir wagten uns sogar bis an den Rand der Megastadt, um den Lekki-Markt zu besuchen. Da sich zu der Zeit nicht gerade viele Touristen in Lagos aufhielten, wurde mit aller Macht um unsere Aufmerksamkeit gebuhlt. Nach wenigen Stunden hatte jeder von uns schöne und kunstvolle Souvenirs ergattert.

Dann kam der Tag des Abschieds. Wir mussten mehrere Stunden vor Abflug zum Flughafen aufbrechen, da der Verkehr in Lagos mörderisch sein kann und manchmal alles stillsteht. Doch sogar am Flughafen gab es im Restaurantbereich ein köstliches veganes Mittagessen: nigerianischen gebratenen Reis mit Gemüse.

Als ich am Schalter auf meinen Ausreisestempel wartete, schaute mich die Beamtin lächelnd an und fragte: „Wann kommen Sie wieder nach Nigeria?“ Ich erzählte ihr, dass ich meinen Aufenthalt sehr genossen hatte und hoffte, eines Tages auf jeden Fall wiederzukommen, vielleicht mit Familie und Freunden. Daraufhin sagte sie: „Oh, bitte, hier ist meine Telefonnummer und E-Mail-Adresse. Mr. Justin, Sie müssen unbedingt bei mir und meiner Familie bleiben, wenn Sie das nächste Mal kommen! Wir werden für Sie kochen und uns gut um Sie kümmern!“

Es war das dritte oder vierte Mal in einer Woche, dass ich so eine herzliche Einladung bekam, und ich war sehr gerührt.

Weitere Reise-Impressionen

Dieser Gastartikel wurde von Justin P. Moore verfasst. Justin hat u. a. das Buch „The Lotus and the Artichoke – Vegan Recipes from World Adventures” geschrieben. Mehr über Justin erfahrt Ihr auf seiner Website.

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