Vegan? – Das können sich doch nur Reiche leisten!

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Solche oder ähnliche Sätze findet man regelmäßig auf Social-Network-Seiten, wenn es um das Thema Vegan geht. Die Vorstellung, dass dieses „andere Leben“ nur von Verzicht begleitet ist, hält sich genauso wie die Vorstellung, dass Fleisch Gesund ist. Ich möchte das Gegenteil mit einer einfachen Rechnung beweisen.

Das kostet die durchschnittliche, deutsche Ernährung einer 3-köpfigen Familie

Laut dem Fleischatlas isst ein durchschnittlicher Deutscher ca. 60 kg pro Jahr an Fleisch. Das sind ca. 165 g pro Tag und Person. Ein Schnitzel wiegt etwa zwischen 150 und 200 g. Wenn zum Frühstück und Abendessen noch Wurst gegessen wird, kommt man locker auf 250 g Fleisch pro Tag und Person.

Die Lieblingsfleischspeisen sind Wiener Schnitzel, Steak, Gulasch, Hackfleischsauce, Buletten (Frikadellen) und Huhn in allen möglichen Variationen. Einmal die Woche gibt es meist Seelachs. An Wurst liebt der Deutsche die Salami, Fleischwurst, Bratwurst, Mortadella, rohen und gekochten Schinken. Sowie Milchprodukte: Milch, Joghurt, Quark, Hartkäse und Frischkäse. Natürlich kommt dann noch Gemüse, Salate, Kartoffeln, Nudeln, Reis und Obst hinzu.

Kostenpunkt pro Woche für eine 3-köpfige Familie, laut meiner Recherche, ca. 100 – 250 Euro inklusive Bioprodukte. Und ca. 80 – 150 Euro ohne Bioprodukte.

Nun der Vergleich mit meiner vegan lebenden Familie gleicher Größe

Als Vergleich nehme ich einfach die Ernährungsgewohnheiten meiner 3-köpfigen Familie, da wir nicht zu den 100% Fair Trade Veganern gehöre, aber zu 80% Bio Produkte kaufen, liegen wir hier im Durchschnittsbereich eines deutschen vegan lebenden Menschen.

Wir bekommen für 25 Euro pro Woche eine Gemüsekiste von unserem Biomarkt direkt vor die Tür geliefert, dort finden sich unteranderem Salate, Gemüse und Obst der Saison. Das reicht uns meistens nicht. Daher kaufen wir im Aldi Bio-Karotten, Bio-Tomaten, Kartoffeln (selten Bio), oft noch einen Bio-Salat, Bio-Sojamilch und Bio-Tofu. Wir haben einen gut sortierten Rewe vor Ort, dieser bietet auch einige vegane Produkte an, so zum Beispiel Soja Joghurt in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen, Soja Sahne, Wilmersburger Käse (den wir am Anfang viel gegessen haben und jetzt so gut wie gar nicht mehr) und Veganer Aufschnitt von Heirler. Hier kaufen wir auch unsere Nüsse, wie Cashewkerne und Mandeln.

Getreide für unsere Getreidemühle, Agavendicksaft, sowie veganen Schokoaufstrich kaufen wir im DM Drogeriemarkt, dort kaufen wir auch alle anderen Haushaltsprodukte wie Toilettenpapier, Spül, Waschmittel und Hautpflegeprodukte, da DM seine Produkte mit dem veganen Siegel kennzeichnet und die Hausinternen Produkte ohne Tierversuche hergestellt werden.

Desweiteren brauchen wir immer Sojamehl, getrocknete Sojaprodukte wie Bigsteaks, Sojahack, und Sojawürfel. Sowie Seitanmehl. Diese Produkte findet man in unterschiedlichen Online Shops für vegane Lebensmittel. Gewürze, Nudeln, Schalenfrüchte wie Linsen und Bohnen kaufen wir in einem Türkischen Laden vor Ort. Sojasauce, Kokosmilch und Reis im Asialaden.

Das sind die Nahrungsprodukte die wir regelmäßig benötigen. Hinzu kommen noch alle paar Wochen Senf, Tomatenmark, Tomatenketchup, Tomaten in der Dose, Gurken im Glas usw.

Wir geben pro Woche nicht mehr aus als eine nicht vegan-lebende, vergleichbare, deutsche Familie

Rundgerechnet haben wir ein Budget von 100 Euro die Woche und so viel geben wir auch aus. Am Monatsanfang gibt’s auch mal Süßigkeiten und Snacks. Das wenigste was wir verbrauchen sind Getränke. Da wir nur hin und wieder mal ein alkoholfreies Bier trinken und ansonsten unser Wasser selbst filtern und sprudeln. Einige Säfte wie Traubensaft, Apfelsaft und Orangensaft runden das Ganze noch ab.

Wir sind keine reichen Menschen da im Grunde genommen unser komplettes Geld (bis auf unser Haushaltsgeld) in unser Haus, Versicherungen und unseren Tierhof fließen. Da bleibt am Monatsende nichts übrig. Kleidung kaufen wir zu 90% second-hand.

Wir essen einmal am Tag warm. Unser Lieblingsessen sind Pasta mit unterschiedlichen Saucen, mal gefüllt, mal überbacken, mit viel Gemüse und viel Tomaten. Meine Tochter isst für ihr Leben gerne Pfannkuchen, Waffeln und Muffins. Hier kann man problemlos ein Ei durch 1 EL Sojamehl vermischt mit 2 EL Wasser ersetzen.

Ich mag die amerikanischen Pancakes und dazu bräuchte man normalerweise Eier. Aber durch die Sojamehl-Wasser Mischung schmecken sie genauso lecker wie die Originalen. Da wir alle Mandelmilch sehr lieben, aber uns die fertige Mandelmilch zu teuer ist, mache ich die Milch selbst. Das ist sehr einfach, dazu benötigt man nur einen Mixer (muss aber nicht unbedingt sein, es gibt auch geriebene Mandeln zu kaufen), ein Haarsieb, eine Schüssel und zuletzt ein Teesieb (da ich die Milch gerne ohne Rest-Trester mag. Hierzu einfach 250 g Mandeln zusammen mit 1,5 L Wasser in den Mixer geben und solange mixen bis eine leicht schäumende Mich entstanden ist. Diese Milch schüttet man dann durch ein Haarsieb in eine Schüssel. Die so gefilterte Milch nochmals durch ein Teesieb gießen und schon hat man seine eigens hergestellte Mandelmilch. Die im Kühlschrank in einer geschlossenen Flasche 2 Tage haltbar ist. Sehr lecker schmeckt die Milch auch mit Agavendicksaft gesüßt.

Wir essen sehr abwechslungsreich. Essen muss Spaß machen und schmecken, daher lassen wir uns gerne von unterschiedlichen Rezepten inspirieren, wir ersetzen das Fleisch zum Beispiel durch Sojaprodukte. Vieles stellen wir selbst her, so auch Linsenfrikadellen, Soja Gulasch, oder Bratwürste aus Seitan.

Wir kaufen am Anfang des Monats alle Produkte ein, die man Lagern kann, der Rest unseres Haushaltsgelds wird auf die restlichen Wochen aufgeteilt. Hin und wieder kaufen wir noch veganes Eis, Tiefkühlprodukte, wie Obst und Gemüse, Blätterteig, Yufka Teig (sehr lecker für vegane Sigara Börek).

Um Vegan zu leben muss man nicht wohlhabend sein

Hätten wir keine Gemüsekiste, würden wir ca. 50 Euro im Monat sparen. Denn dann würden wir unser komplettes Bio-Gemüse bei Aldi kaufen. Natürlich muss man die Preise vergleichen und sich anhand der Inhaltsangaben (zum Beispiel bei Süßigkeiten) gut informieren. Aber das ist nur am Anfang schwierig. Später weiß man welche Lebensmittel vegan sind und welche nicht. Für Menschen mit einem geringen Einkommen, sind Discountermärkte mittlerweile sehr vegan-freundlich und relativ gut sortiert. Hier bekommt man Sojamilch, Sojajoghurt, Gemüse und Obst oft in Bio-Qualität. Man sollte sich nicht davon abhalten lassen vegan zu leben, nur weil das bedeutet dass man dann mehr im Discounter kaufen muss. Letztendlich kommt es den Tieren und der eigenen Gesundheit zu Gute und das ist die Hauptsache.

Vegan zu leben bedeutet eine Bereicherung für den eigenen Speisezettel, im Gegensatz zu früher (ich lebe seit fünfzehn Jahren Vegetarisch und seit einem Jahr und drei Monaten Vegan) mache ich mir mehr Gedanken um die Entstehung unserer Lebensmittel. Ernährung ist keine Privatsache und auch keine Nebensache mehr, das was wir Essen hat nachhaltige Konsequenzen für Tier und Mensch und letztendlich für die Welt auf der wir alle Leben.

Weitere Infos gibt der Fleischatlas, den man hier auch kostenlos herunter laden kann.

Quellen:

Weitere Informationen über das Kaufverhalten von Fleischessenden Menschen erzielte ich aus Foren zum Thema und durch Interviews mit meinen Nachbarn und meinen Schwiegereltern.

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Gast-Artikel von Johanna Schlitzkus

Kommentare

  1. Heike Labude meint

    Sehr geehrte Frau Schlitzkus, danke für Ihre Mühe diesen Plan aufzustellen . Ich bin mir sicher, dass diese Art und Weise vermehrt zur Aufklärung beitragen wird einfach Vegan zu leben. Es ist tatsächlich so, dass ich immer wieder von Freunden höre wie teuer es ist. Teuer wird es,wenn man ausschließlich Vegane Fertigprodukte kauft.
    MfG Heike Labude

  2. Stephan meint

    Moin Johanna,
    toller Bericht von dir.
    War kurzweilig zu lesen & in vielen Punkten habe ich „uns“ (meine kleine Familie) wiedererkannt.

    Auch bei uns ist das Geld eher knapp,aber vegan zu leben ist dennoch kein Problem.

    Peace & out
    Stephan :-)

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