Hauptsache was mit „vegan“ – Kommentar zur Tragödie auf dem Mount Everest

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Mont Everest
„34-Jährige wollte beweisen, dass Veganer alles schaffen können – jetzt ist sie tot“
, „Vegan und stark – aber tot“, „Sie wollte beweisen, dass Veganer nicht zu schwach sind“. 
Was vermitteln uns diese Überschriften? Auf den ersten Blick eine eindeutige Botschaft: Eine Veganerin ist auf dem Mount Everest gestorben. Sie wollte etwas beweisen und ist jetzt tot. Doch hinter diesen Einzeilern steckt mehr.

Im jedem Handbuch für journalistische Grundlagen steht: „Eine Überschrift soll die Kernaussage des Artikels wiedergeben. Sie muss verkürzen, darf aber nicht verfälschen. Sie muss korrekt, leichtfasslich und unmissverständlich formuliert sein.“

Da wir davon ausgehen, dass die jeweiligen Autoren eine journalistische Grundausbildung genossen haben, ist anzunehmen, dass hier mit Absicht eine wichtige Information weggelassen wurde. Nämlich die, dass die Bergsteigerin und Lehrerin Maria S. den Abstieg eben nicht wie suggeriert aufgrund ihrer veganen Ernährungsweise nicht geschafft hat, sondern, dass sie der unter Bergsteigern verbreiteten Höhenkrankheit erlag.

Absichtliche Unterschlagung der Kern-Information

Der Verdacht der absichtlichen Unterschlagung dieser Information erhärtet sich, wenn wir uns die passenden Unter- und Oberzeilen bzw. die Vorspanne der Artikel anschauen. Denn auch hier fehlt oft jegliche Information zum Grund des tragischen Todes.

Anstatt schon von vornherein der Sorgfaltspflicht nachzukommen und darüber zu informieren, dass der Tod der Bergsteigerin durch die Höhenkrankheit verursacht worden ist, setzt Fokus Online noch einen drauf und schreibt:

„Für Veganer könnte es sogar noch schwieriger sein, da sie sich rein von pflanzlichen Lebensmitteln ernähren. Die Australierin Maria Strydom wollte zeigen, dass Veganer diese Strapazen ebenfalls überstehen können.“

Fokus Online vegan Mount Everest Zitat

Noch dreister treibt es die Redakteurin Kathrin Spoerr von DIE WELT auf die Spitze und titelt pietätlos:

„Vegan und stark – aber tot. Maria Strydom kam fast bis zum Gipfel des Mount Everest. Dann starb die Veganerin – und mit ihr der Beweis, den sie erbringen wollte.“

Vegan tot Mount Everest Die Welt

Im Vorspann führt sie aus:

„Der Tod der Südafrikanern Maria Strydom wurde von den Medien aufgenommen. Zurück bleibt die Frage: Wie gesund ist es, sich vegan zu ernähren? Und: Warum tun Menschen das? Wir sprachen mit Claus Leitzmann, 83, emeritierter Professor für Ernährungswissenschaften in Gießen.“

Im gesamten Artikel wird nicht darüber aufgeklärt, dass ihr Tod nichts mit der Ernährung zu tun hatte. Es geht in diesem Artikel nicht einmal um Maria S., sondern um ein Interview, welches nichts mit dem Unglück zu tun hat. Auf schamlose Weise wird hier der Tod eines Menschen genutzt, um Spoerrs Vorurteile gegenüber einer veganen Ernährung von einem Experten kommentieren zu lassen.

Kurze Zeit später wird das gleiche Interview unter folgender Überschrift ein zweites Mal veröffentlicht:

„Wen hätte der Tod einer Fleischesserin interessiert?“, fragt Kathrin Spoerr in der Überschrift.

Wirklich? Da greift man sich unverhohlen eines von mehreren tragischen Unglücksopfern heraus, weil dessen Ernährungsweise das praktische Trigger-Word „vegan“ enthält, und fragt anschließend selbstgerecht, ob sich jemand für den Tod eines Fleischessers interessiert hätte. Man erzeugt die Empörung, um sich dann über die Empörung zu empören.

Zurück bleibt hier nur die Frage: Welches Kalkül steckt hinter den so missverständlichen Überschriften?

Mount Everest Headline

Auffällig oft in Verwendung scheint „vegan“ sich in den letzten Jahren als Top-Reizwort etabliert zu haben. Nicht nur die Reichweite der Artikel lässt sich dadurch erhöhen, sondern auch die Interaktion der User auf der Seite, denn über kein anderes Thema regt sich der Deutsche so gern in Kommentarspalten auf, wie über diese „selbstgerechten Veganer“. Und so verwundert es nicht, dass verfälschende und provozierende Überschriften wie: „Sie wollte beweisen, dass Veganer alles können“ zu hämischen und teils menschenverachtenden Kommentaren der User führen.

„Such titles show a shameful lack of sensitivity, and are perhaps written with Facebook’s new ‘haha’ button in mind.“, bemerkt das britische Blatt The Independent.

Bilder der Toten aus Facebook

Doch nicht nur die Überschriften sind ein Anlass sich einmal über den journalistischen Ethos Gedanken zu machen. Fast alle Medien veröffentlichten kurz nach dem Tod von Maria S. ihr Facebook-Profilbild und andere private Bilder aus ihrer Facebook-Seite. Dass die Redaktionen sich die Erlaubnis der Angehörigen eingeholt haben, darf bezweifelt werden.

In der Richtlinie 8.1 des Pressekodex heißt es:

Opfer von Unglücksfällen oder von Straftaten haben Anspruch auf besonderen Schutz ihres Namens. Für das Verständnis des Unfallgeschehens bzw. des Tathergangs ist das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Ausnahmen können bei Personen der Zeitgeschichte oder bei besonderen Begleitumständen gerechtfertigt sein.

Der Umstand, dass das Opfer dieses Unglücksfalls sich zufällig vegan ernährte und dies nicht im Zusammenhang mit ihrem Tode steht, rechtfertigt nicht diesen groben Eingriff in das Persönlichkeit- und Urheberrecht.

Dieses Durchwühlen von privaten Facebook- und Twitter-Accounts für Opferbilder kritisierte Stefan Niggemeier schon 2011 im mediummagazin. Der Presserat erklärte damals, es für „bedenklich“ zu halten. Geändert hat sich seither aber nichts.

Der Fall von Maria S. ist damit nicht nur ein weiteres tragisches Unglück in den Höhen des Mount Everest, sondern auch, wie Niggemeier es formulierte, ein weiteres Beispiel journalistischer Bankrotterklärung.

Bildnachweis: Titel von pixabay

Kommentare

  1. Kilian meint

    Einige Journalisten schreiben so einen Blödsinn wohl mit dem „Haha“-Button von Facebook im Kopf. Bei der Aussicht auf „Likes“ wird journalistische Sorgfalt schnell über Bord geworden. Im „Independent“ steht das ganz passend: http://www.independent.co.uk/voices/the-death-of-the-vegan-climber-was-a-tragedy-but-her-diet-was-irrelevant-a7046191.html Einen Artikel zu genau diesem Thema habe ich vor zwei Tagen hier veröffentlicht: https://www.vegpool.de/news/vegane-bergsteigerin-medien.html?newsid=1117 und zum „Buzz-Word“ „Vegan“ https://www.vegpool.de/magazin/vegan-shitstorm-regeln.html

  2. meint

    So wahr! Es wird mal wieder aus Aufhänger gegen die Veganer Ernährung genutzt, statt sinnvolle Tipps und Rückschlüsse zu ziehen -.-
    Trauring, wie sich alle plötzlich auf den „Tod der veganerin“ stürtzen, um das gerne dissukierte Thema Veganismus mit „einem Beweis“ nieder zu machen.
    Schön, dass ihr einen Gegenpol bietet, der man das ganze mit Wahrheit und nicht Vegan-Hass betrachtet.

  3. Dirk meint

    Was ein unglaublicher Schwachsinn. Ich bin im April auch zumindest zum Basecamp und auf Kalah Pattar (ca 5600 m) gestiegen und war einer von 2 veganern, die es beide überhaupt geschafft haben. Unser nepalesische Guide hat sogar der Truppe empfohlen weniger tierisches Protein zu verzehren.
    Ok dass ist alles weit von der Besteigung Everest 8848m entfernt.
    Aber seit ich mich vegan (seit Feb 2016, zuvor 15 J Vegetarier) ernähre habe ich soviel mehr Energie.
    Übrigens sind seitdem auch meine Beschwerden des Bandscheibenvorfalls um 90% reduziert. Muss nicht nur daran liegen aber die Zeitnähe ist schon komisch.

  4. Helmut Singer meint

    Den Gegnern der veganen Lebensweise ist offenbar jedes Mittel recht diese Lebenseinstellung schlecht zu machen.
    Nur, sie werden das nicht schaffen.
    Was ich mir in den 20 Jahren meines Vegansein alles anhören musste, war und ist an Dummheit nicht zu überbieten.
    Argumente, an den Haaren herbeigezogen nur um die eigene Einstellung zun rechtfertigen.
    In diesem Zusammenhang möchte ich allen, eines der besten Bücher die ich in der letzten Zeit gelesen habe, empfehlen.
    „Ernährung und Bewusst sein“ von Will Tuttle.
    In diesem Zusammenhang halte ich mich an den Auspruch von Mahatma Ghandi:

    „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du“

  5. astrid suchanek meint

    Und wieviele Fleischfresser sind abgestürzt?!

    Haben die hier involvierten Berufs-Wahrheitsverfälscher oder zeitgleichen Journalisten da auch geschrieen: Fleischfresser, jetzt ist er tot!? Seit wann erleidet jemand einen Unfall, weil er sich vegan ernährt! Hat man größeren Schwachsinn in dem Zusammenhang gelesen?

    Wieviel kriminelle Energie muß man haben, um so eine Verfälschung der Tatsachen, so eine Lüge in die Welt zu posaunen! Lügenpresse ist noch geschmeichelt für solche lobbyistische Tatsachenverdrehung.

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