Wie vegan bist Du? – eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Veganismus

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Das Titelthema der kommenden Ausgabe 84 des Magazins TIERBEFREIUNG setzt sich mit dem Begriff Veganismus auseinander. Auch in den Massenmedien wird Veganismus immer häufiger zum Thema gemacht und versucht den Begriff zu definieren. Im Vordergrund steht dabei hauptsächlich der Konsum rein pflanzlicher Lebensmittel. Ursprünglich ist der Begriff Veganismus jedoch politisch besetzt, so dass sich innerhalb der Masse der vegan lebenden Menschen mindestens zwei Gruppen bilden lassen: Diejenigen, die einen rein pflanzlichen Nahrungs“veganismus“ leben und diejenigen, die noch immer politische und ethische Aspekte an den Begriff knüpfen. Ich nehme daher die aktuelle Debatte um den Lifestyle-„Veganismus“ kontra politischen/ethischen Veganismus zum Anlass, ein paar Gedanken zu formulieren.

Ernährungs“veganismus“

Jedwede Veganismus-Kritik, im Sinne einer Diskussion um den Begriff und seine Inhalte, muss an der Definition „vegan“ ansetzen. Was bedeutet „vegan“ eigentlich? Dass zu einem veganen Leben mehr dazu gehört, als nur die Ernährungsweise, versteht sich eigentlich von selbst, denn sonst könnte man auch einfach von einer „rein-pflanzlichen“ Ernährungsweise sprechen und das Label „vegan“ unberührt lassen. Auf der Speisekarte könnte statt „vegan“ auch „rein pflanzlich“ stehen, das Wort „vegetarisch“ ist schließlich nicht viel kürzer. Darüber hinaus würden so manche Unsicherheiten geklärt, denn rein pflanzlich muss einfach bedeuten: 100% aus Pflanzen hergestellt.

Rein pflanzlich reicht nicht!

Aber ist der Minimalkonsens, dass konsumierte Produkte „rein pflanzlich“ sein müssen ausreichend? Dann würden Produkte aus synthetischem Material von vornherein ausgeschlossen sein. Viel gewichtiger ist jedoch ein ethisches Argument, da auch rein pflanzliche Produkte Tierausbeutung bedeuten können. Menschen, die sich zwar rein pflanzlich ernähren, jedoch einen Porsche oder SUV mit Ledersitzen fahren, Lederschuhe oder Wollhandschuhe tragen, Shampoo oder Waschmittel nutzen, die in Tierversuchen getestet wurden usw., sind demnach keine „Konsum-Veganer_innen“. Aber auch der Besuch eines Zoos, Zirkus‘ oder anderer Veranstaltungen in denen nichtmenschliche Tiere ausgebeutet werden, sind nicht vegan, da die Ausnutzung ein Teil des Produktes „Unterhaltung“ ist und durch den Kauf von Eintrittskarten die Ausbeutungsverhältnisse unterstützt werden.

Eine Definition für „vegan“

Die Definition „vegan“ muss daher beim nichtmenschlichen Tier ansetzen und demnach unter ethischen Gesichtspunkten formuliert werden.

Konsumorientiert gedacht, bedeutet „vegan“ also der völlige Ausschluss tierlicher Aspekte (Körperteile- und flüssigkeiten, Arbeitskraft, u.a.) aus dem Produktionsprozess. Der Konsum/die Nutzung solcher Produkte kann demnach auch als vegan bezeichnet werden und entsprechende Konsument_innen wären zumindest „Konsum-Veganer_innen“. Doch gerade bei Fertigprodukten ist es häufig schwierig herauszufinden, ob ein Produkt vegan ist, insbesondere dann, wenn die Inhaltsstoffe unzureichend ausgezeichnet werden.

Ist 100% vegan überhaupt möglich?

Neue Veganer_innen sind häufig frustriert oder sogar wütend, wenn sie herausfinden, dass Fruchtsäfte, Wein oder Bier mit Gelatine geklärt sein können, oder wenn der Hersteller des schmackhaften Sojajoghurt auch eine große Kuhmilch-Produktlinie im Sortiment führt, oder der Produzent leckerer veganer Kekse Tierversuche finanziert. Selbst wenn das Brötchen vom Bäcker 100% vegan sein sollte, so ist es die Druckerschwärze auf der Brötchentüte vielleicht nicht. Auch könnte das Etikett auf dem Marmeladenglas mit Gelatine aufgeklebt sein. Die Tabletten, die man einnehmen muss, könnten Milchzucker enthalten. Die Champignons im rein pflanzlichen Salat ist vermutlich auf Pferdemist gewachsen und die Gurke wurde sicherlich mit Tierfäkalien gedüngt. Wenn man um all diese Dinge bescheid weiß, kann man dann noch ruhigen Gewissens in den Apfel beißen? Oder sind es Spitzfindigkeiten über die man getrost hinwegsehen kann, obwohl für diese „veganen“ Produkte nach wie vor nichtmenschliche Tiere ausgebeutet werden?

Es zählt nicht nur die Zutatenliste

Je mehr Produktionsschritte zwischen einem Rohstoff und einem Produkt liegen, um so undurchschaubarer wird es herauszufinden, ob ein Produkt wirklich 100% vegan ist. Die einzige Möglichkeit, diese Unsicherheiten zu vermeiden ist es, die Produktionsschritte zu reduzieren – also „vegane“ Fertigprodukte meiden. Wieso beispielsweise teure Fertigbratlinge kaufen, wenn man diese auch selbst würzen kann? Lass die vegane Tiefkühlpizza liegen und backe Deine eigene! Gemüse aus bio-veganem Landbau ist eine weitere Alternative, wenn man keinen eigenen Garten hat, um Gemüse anzubauen.

Vegan leben bedeutet verantwortlich handeln

Diese Gedanken wären unvollständig, wenn ich bei der Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere aufhören würde. Zu einem verantwortungsvollen veganen Leben gehört die Berücksichtigung der menschlichen Ausbeutungsverhältnisse. Was ist mit den Menschen, die die Kakaobohnen für Deine vegane Schokolade anbauen? Was ist mit Kaffee? Aber auch ökologische Aspekte spielen eine wichtige Rolle, oder müssen es unbedingt die „Flugmango“ sein, oder Erdbeeren im Dezember? Nutze Deinen gesunden Menschenverstand! Nutze regionale und vor allem saisonale Angebote! Es muss nicht immer alles verfügbar sein, denn das bedeutet, dass alles nicht verbrauchte weggeworfen wird!

Ob sich eine vegane Lebensweise in der Vermeidung von Produkten erschöpft, die im Zusammenhang mit Tierausbeutung stehen, oder ob das aktive Vorgehen gegen jede Art von Ausbeutungsverhältnissen dazugehört, indem man beispielsweise Demos besucht, Infoveranstaltungen organisiert oder Befreiungsbewegung unterstützt, liegt sicherlich im jeweils eigenen Ermessen. Niemand kann von sich behaupten 100% vegan zu leben, es ist jedoch bequem und für die Befreiungsbewegung schädlich, wenn man sich auf einer rein-pflanzlichen Ernährungsweise ausruht und von sich behauptet „vegan“ zu sein.

Wenn Du also wirklich etwas verändern willst, dann lebe nicht den lifestyle- „Veganismus“, sondern den politisch-ethisch orientierten Veganismus. Bejuble nicht die zwanzigste Tofu-Grillwurst im Sortiment, sondern stoße Dich daran, dass Dein Gemüse mit Jauche aus der Massentierhaltung gedüngt wird! Bewege etwas! Werde aktiv!

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Kommentare

    • Elias meint

      „Erhelle die Finsternis“ ist dafür der richtige Ausdruck. Genial auf den Punkt gebracht, wie die Welt tickt um aus allem auch den allerletzten Tropfen an Vernunft zu saugen. Ohne Scham vor dem eigenen Selbst, dennoch Siegessicher auf ihrem Feldzug die Essenz des Veganismus im Keim zu ersticken, umzukrempeln, neu zu erfinden und mit falschen Werten zu streuen.

      Danke Achim :)

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